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Konferenz

Open Innovation!

Auf der Suche nach neuen Leitbildern

Einführung

Innovation ist mit dem Konzept der Moderne unauflösbar verbunden. "Fortschritt" haben es frühere Generationen genannt. Gemeint war damit nicht nur ein bloßes Fortschreiten zu Neuem. Erhofft wurde auch eine Annäherung an eine bessere, gerechtere, demokratische und offene Gesellschaft. Besonders Wissenschaft und Kunst sollten frei sein vom unmittelbaren Verwertungsstreben, zugleich aber auch darauf bedacht sein, den materiellen und ideellen Reichtum der Gesellschaft zu mehren.

Seit dem Zweiten Weltkrieg ist in immer wiederkehrenden Schüben von Innovation die Rede, von Seiten der Politik besonders dann, wenn das Fortschreiten aktuell nicht mehr ganz gelingen mag. Wenn also weder Wissenschaft und Kunst erfinderisch genug zu sein scheinen bzw. es ihnen nicht gelingt, die Wirtschaft mit ihren neuen Ideen so anzuregen, dass sie neue Produkte, neue Geschäftsmodelle und neue Organisationsformen entwickeln. Doch diese sind nötig, um den gesellschaftlichen Reichtum zu erwirtschaften.

Daher ist es verständlich, wenn die Bundesregierung auch heute wieder zu einer "Innovationsoffensive" aufruft und in einer schwierigen Gegenwart auf eine bessere Zukunft setzt. "Zukunftsinvestitionen" und "-kommissionen" oder "futur-Prozesse" sind bevorzugte Therapiekonzepte der Politik von heute. Dabei stützt sich die Politik auch auf den positiven Klang von "Innovation". Innovationen sind schließlich im modernen Verständnis mit Hightech - dem vermeintlichen Inbegriff des Fortschritts - verbunden. Gerade die Nano- und die Biotechnik sowie vor wie nach den Einbrüchen der New Economy die Informations- und Kommunikationstechnologien gelten als wichtige Zukunftstechnologien mit enormen Wachstumspotentialen.

Aber so wie jede Generation ihr Verständnis von Moderne neu entwickeln und neu bestimmen muss, wohin sie will und wie ihre Zukunft aussehen soll, so gibt es auch für "Innovation" kein dauerhaftes Rezept. Die politische Ökonomie sieht den Begriff denn auch eng verknüpft mit dem Prinzip der "kreativen Zerstörung" (Schumpeter). Innovationen können sich nur entfalten, wenn bestehende Strukturen und tradiertes Wissen in Frage gestellt werden. Sie müssen dem Neuen Raum geben, das gewandelte Ansprüche und technische und mediale Entwicklungen möglich gemacht hat. Nur so können sich Potentiale gewinnbringend für Wissenschaft und Kultur sowie für Wirtschaft, Politik und die gesamte Gesellschaft auswirken.

Sicher ist nicht nur die "autonome" technische, wirtschaftliche und mediale Entwicklung als bestimmend für Innovationsprozesse anzusehen. Vielmehr stellt sich die schwierige Frage, welche Bereiche im Kräftedreieck zwischen Politik, Wirtschaft und den normativen Ansprüchen und dem Verhalten der Menschen reguliert werden müssen und welche weitgehend unreguliert und offen bleiben sollten, um Kreativität und Innovation zu fördern. Lawrence Lessig hat dies zunächst an der Netzwelt des Internet verdeutlicht, sein Regulierungsprinzip aber auch auf weitere Bereiche von Politik und Kultur ausgedehnt. Gesteuert werden Regulierungsprozesse heute mehr und mehr implizit über die in die Technik eingebauten Informationen selber. Da zugleich der Anteil, den Information und Wissen an den Artefakten der Wissensgesellschaft immer stärker zunehmen, ist die Art, wie Wissen und Information koordiniert und organisiert werden, eine Kernfrage der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung. So zeigt Lessig, wie Software, der Programm"code", die globale Architektur des Internet mit seinen vielfältigen Diensten reguliert. Diese Architektur wiederum stellt die Rahmenbedingungen für Entwicklung und damit für weitere Innovation bereit.

Die kommunikative Netzwelt des Internet selbst hat heute die Rolle eines hybriden Leitmediums der Wissensgesellschaft, in der Forschung und Bildung sowie die Umsetzung von Inventionen in Produkt- und Prozessinnovationen und die aktive und verantwortliche Beteiligung der Menschen eine herausgehobene Rolle spielen. Diese Netzwelt baut auf offenem Zugang (Open Access), offenen Standards und einer dezentralen Architektur auf. Die schafft die Grundlage für einen Wettbewerb auf der institutionellen und systemischen Ebene in Form neuartiger Kooperationsnetzwerke, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle, bei denen die Menschen aus eigenem Antrieb zu Entwicklungen beitragen, diese austauschen und so ("user-driven") Innovationen auslösen.

Das Internet hat laufend Wellen an Folgeinnovationen ausgelöst, die vom World Wide Web (WWW) über freie und offene Software bis hin zu Peer-to-Peer-Netzwerken und den in der Wissenschaft sich entfaltenden Open-Access-Modellen der offenen Publikationsformen reichen. Das setzt sich momentan mit der Grid-Technologie fort und bei der Suche nach neuen Modellen kollaborativer pharmazeutischer "open-source"-Forschung. Auch innovative Geschäftsmodelle wie Online-Auktionen, bei denen private Verkäufer und Käufer übers Netz direkt miteinander in Kontakt gebracht werden, profitieren vom so genannten "end to end"-Prinzip des Internet. Sie tragen die prinzipielle Offenheit und Transparenz des Netzes weiter in sich. Offene Formen des Umgangs mit Wissen und Information sind also nicht nur möglich, sondern auch erfolgreich - und zwar gerade auch unter dem ökonomischen Kriterium der Innovation im Sinne der Erschließung neuer Geschäftsfelder und Wertschöpfungsketten.

Das Netz und die auf ihm beruhenden Anwendungen erlauben deutlich verbesserte Formen des Informations- und Wissensaustauschs. Informationen werden dabei von den Nutzern als öffentliches Gut betrachtet. Die Nutzer zeigen durch ihr Verhalten ihr Interesse an seiner Mehrung. Zumindest für das Feld informationsreicher, modularer Artefakte, die sich für offene kollaborative Prozesse besonders anbieten, stehen sie proprietären Formaten und dem Privateigentum als Allokationsprinzip knapper Güter skeptisch bis ablehnend gegenüber. Dies führt zwangsweise zu Konflikten mit den bisherigen Geschäfts- und Verwertungsmodellen der Wirtschaft, in der Informationen und Wissen als Ware und als knappes privates Gut gesehen werden. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass schon von "Informationskriegen" gesprochen wird, in denen die Wirtschaft mit dem Kampfbegriff "Piraterie" durch rechtliche und technische Maßnahmen das Netz unter Kontrolle zu bringen versucht.

Urheber- und Patentrechte gewähren in der Moderne traditionell das "geistige Eigentum" als zeitlich befristetes Monopolrecht von Erfindern, Verwertern und Unternehmen. Weil die Gesellschaft ein Interesse an der Mehrung des öffentlichen Reichtums hat, schafft sie mit diesen Instrumenten einen Anreiz für die Entwicklung und Veröffentlichung von kreativen Werken und Erfindungen. Heute hat der globale Wettbewerb in den hoch technisierten Wissensgesellschaften zu einem sprunghaften Anstieg von Eigentumsansprüchen auf solche Immaterialgüter wie Wissen, Daten und Erfindungen geführt. Doch diese Entwicklung ist zutiefst ambivalent. Zwar können aus Sicht der Rechteinhaber Lizenzgebühren erwirtschaftet oder spekulatives Kapital angelockt werden, aber aus gesellschaftlicher Sicht, exemplarisch zu sehen in der Biotechnologie oder der Software-Entwicklung, erweisen sich diese privaten Eigentumsansprüche oft als Innovationshemmnis.

Es ist eine strategische Frage mit weitreichenden politischen und kulturellen Implikationen, ob man das an der Knappheit orientierte Innovationsparadigma aus der Industriegesellschaft fortschreiben und auf die Rahmenbedingungen vernetzter Informations- und Kommunikationsgesellschaften übertragen will. Die Verknappung von Wissen mit Hilfe von Eigentumsansprüchen und Kontrolltechnologien für das Digital Rights Management sieht nur den privaten Informationskonsum vor, der durch immer neue Angebote angestachelt werden soll. Die produktive Nutzung, das ,Co-Working' oder ,Pro-Suming' (B.Priddat), die den heutigen Partizipationsansprüchen besser entspricht, sucht sie dagegen als systemfremd zu unterbinden. Das kann sich als freiheits- und innovationshemmend erweisen. Denn Partizipation, Anspruch auf und Fähigkeit zur Gestaltung der eigenen - virtuellen und realen - Umwelt ist heute ein zentrales Motiv einer sich in allen Bereichen demokratisierenden und modernisierenden Gesellschaft.

Ziele der Konferenz

Die Konferenz "Open Innovation!" fragt, wie sich die gegenwärtigen "Informationskriege" überwinden lassen. Und sie will erörtern, ob und wie weit die neuen Prinzipien und Strukturen der Netzwelten zum Leitbild für wirtschaftliche und soziale Innovation taugen und welche Art von Innovation hierdurch befördert würde. Wir fragen, in welchem Maße erfolgreiche Innovationspolitik die besonders in Deutschland unübersehbaren Schwächen des industriegesellschaftlichen Innovationsparadigmas durch partizipative kooperative Wissenspolitik überwinden helfen kann. Und wir wollen klären, was Innovations- als Wissenspolitik für die Politik bedeutet. Was wird aus der ,steuernden' Politik, wenn das neue Leitbild Offenheit heißt?

Open Innovation! hat viele Dimensionen. Dazu gehören:

  • Offen für das Wissen anderer sein. Also Unternehmen und Wissenschaft in die Lage zu versetzen, nicht nur das eigene, intern vorhandene Wissen, sondern auch externe Wissensressourcen der Informationsmärkte und Wissensallmenden besser zu nutzen. Nicht umsonst gehören Innovation und Wissensmanagement zusammen, und werden effizientere Informationsinfrastrukturen gebraucht.
  • Wissen gemeinschaftlich zu erzeugen und anzuwenden, aus der Einsicht, dass kollaborativ erzeugtes Wissen mehr ist als die Summe des Wissens aller Einzelnen. Es gehört zum Wissensmanagement, dass die kollaborative Wissensproduktion sich nicht nur zu einem neuen ausbeutenden Taylorismus des Wissens entwickelt. Kooperation und Wissensteilung funktionieren nur, wenn jedem Einzelnen Anreize und Belohnungen gegeben werden, sich in die gemeinschaftliche Wissensproduktion und Produktentwicklung einzubringen.
  • Wissen mit anderen zu teilen, Wissen also nicht künstlich durch Besitzansprüche verknappen, sondern so umfassend wie möglich in den öffentlichen Raum ("public domain") zu stellen, damit alle Nutzen daraus ziehen können. Wissen verbraucht sich nicht im Gebrauch, daher trifft die alte Allmende-Kritik, dass öffentliche Güter durch intensive (Über-)Nutzung zerstört werden, für Wissen nicht zu. Wissen, so oft es auch schon für Innovationen genutzt sein mag, kann in anderen Konstellationen erneut innovative Kraft entfalten.
  • Wissen und Information über neue Geschäfts- und Organisationsmodelle, die den elektronischen Umgebungen angemessen sind, in die Öffentlichkeit zu bringen. Zu zeigen, dass sich auch damit ökonomischer Erfolg erzielen lässt. Dabei aber auch zu unterscheiden zwischen Geschäftsmodellen des "pay-per-click" und der Wertschöpfung durch eine freie vernetzte Infrastruktur und den freien Austausch von Innovationen (Free Software, Wikipedia).


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