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Undine Eberlein

Neue Individualitätskonzepte zwischen Integration und Eigensinn - sozialwissenschaftliche und sozialphilosophische Überlegungen

Im folgenden Beitrag möchte ich das Thema "Wissen" zu den Debatten um die Prozesse gesellschaftlicher Individualisierung in Beziehung setzen. Dabei werde ich einige der sich aus den sozialwissenschaftlichen Befunden insbesondere für die sozialphilosophische Diskussion ergebenden Probleme skizzieren und die Frage nach dem aus den Individualisierungstendenzen resultierenden politischen Potential stellen.

Undine Eberlein
ist Lehrbeauftragte am Institut für Philosophie der Universität Magdeburg und Wissenschaftliche Mitarbeiterin an einem Forschungsprojekt der DFG über "Integration und Eigensinn".
Veröffentlichungen (u.a.): "Einzigartigkeit. Das romantische Individualitätskonzept der Moderne", Campus 2000.

Vielen gesellschafts- und kulturkritischen Analysen gilt die aus traditionalen Orientierungen und sozialmoralischen Milieus entlassene Lebensform radikaler Individualisierung und die damit einhergehende Auflösung der Normalerwerbsbiographie als letztlich bloß ohnmächtiges Produkt globaler ökonomischer Prozesse. Die mit ihr verbundenen Freiheits- und Selbstbestimmungserwartungen gelten diesen Kritikern als pure Ideologie: Die mit der Auflösung der traditionellen Formen der Gruppensolidarität und zunehmend auch der bisherigen Sicherungssysteme des Sozialstaats verbundenen Risiken würden ideologisch als neue Chancen und Freiheiten angepriesen. Die damit strukturell verbundenen Gefährdungen würden dagegen als individuelles Risiko und Versagen interpretiert, das die bzw. der einzelne durch individuelles Krisenmanagement zu bewältigen habe. Diese Privatisierung der eigentlich gesellschaftlich bedingten Lebensrisiken entlasse - entsprechend der herrschenden neoliberalistischen Ideologie - den Staat bzw. die Gesellschaft aus der Verantwortung und unterwerfe die einzelnen ungeschützt den ökonomischen Bedingungen und ihren Konsequenzen. Deren Übermacht über die einzelnen wiederum werde durch die strikt individualistische Zurechnung von Erfolg und Scheitern verdeckt und so gerade den Opfern des Prozesses ein höhnisches "Selber schuld!" zugerufen.

Diese in der Tradition linker Kapitalismuskritik stehende Diagnose deckt sich in einigen wesentlichen Punkten mit den Thesen der sozialwissenschatlichen Individualisierungsdebatte der letzten zwei Jahrzehnte. Diese beschreibt (vgl. etwa Beck 1986) eine fortschreitende Individualisierung gesellschaftlicher Widersprüche und Konflikte, die damit zwar ihre Form teilweise ändern, nicht aber ihre Gewalt über die einzelnen verlieren. Dabei meint die Diagnose der Individualisierung nicht etwa eine Entvergesellschaftung, sondern eine neue Form der Vergesellschaftung der einzelnen. Diese werden so in einer neuen Weise zum aktiven Agieren und Wählen im Dickicht der institutionellen Vorgaben und oft diffusen Optionen des modernen Arbeitsmarkts und Sozialstaats gezwungen. Die so aufgefaßte Individualisierung ist Freiheit und Zwang, Chance und Bedrohung zugleich.

Tatsächlich läßt sich die bekannte Rede von der Risikogesellschaft als Diagnose einer Art "Dialektik" von Ohnmacht und Selbstermächtigung lesen. Die sich entwickelnde Form individualistischer Vergesellschaftung, in der die bzw. der einzelne in neuer Weise zur Reproduktionseinheit des Sozialen wird, erzwingt und ermöglicht durchaus neue Handlungsspielräume. Die dabei entstehende reflexive Form des individualisierten Lebensvollzugs führt zu - mindestens graduell - neuen Individualitätsformen, von denen insbesondere die sogenannte "Bastelexistenz" (vgl. etwa Hitzler/Honer 1994) hervorzuheben ist. Mit diesem Begriff wird (in ironischer Anspielung auf das "Basteln", mit dem Lévi-Strauss das Weltverhältnis des mythischen Denkens umschreibt) eine Identitätsform beschrieben, die in vieler Hinsicht den philosophischen und kulturellen Bestimmungen der sogenannten "Postmoderne" entspricht. Die primär philosophische und kulturwissenschaftliche Rede von einer neuen, postmodernen Lebens- und Identitätsform findet so in der sozialwissenschaftlichen Beschreibung der Bastelexistenz eine empirische Bestätigung.

Die Bastelexistenzlerin gestaltet ihre Existenz und ihren Sinn aus heterogenen Elementen, symbolischen Formen und Begehren, die sowohl aus dem Freizeit- als auch aus dem Arbeitsbereich stammen. Sie stückelt ihre Biographie und ihre konkrete Lebensweise bis hin zum alltäglichen Tagesablauf aus Zeitblöcken zusammen, die sie als Teilnehmerin an unterschiedlichsten Aktivitäten und Lebensstilangeboten mindestens vordergründig nach eigenem Ermessen und eigener Laune verbindet. Gemessen an den Lebensbedingungen vorangegangener Generationen haben sich nicht nur die individuellen Gestaltungschancen vor allem im privaten Bereich erheblich erweitert, sondern es kommt auch zu einer zunehmend reflexiven, nämlich auf eigenen Deutungen und Wertungen aufbauenden und auf diese auch angewiesenen, Selbstherstellung der eigenen Biographie. Zugleich bleiben die einzelnen allerdings den kollektiven, tendenziell globalen ökonomischen und ökologischen bzw. großtechnisch verursachten Risiken ausgeliefert. Auch sind sie in der Wahl der eigenen Optionen offenbar keineswegs so individuell, wie sie oft meinen. Insbesondere die medial bzw. kulturindustriell verbreiteten Moden und Idealbilder bestimmen zu einem guten Teil jenes Reservoir an Zielen und Stilen, aus denen die Bastelexistenzlerinnen sich ihr Leben gestalten. Bei aller damit angebrachten Vorsicht und Skepsis hinsichtlich des - um es mit einem eher unzeitgemäßen Begriff zu sagen - emanzipatorischen Potentials dieser Existenzform, behaupte ich dennoch, daß sie zumindest der Möglichkeit nach Politik- und Machtchancen in Gestalt einer potentiell subversiv werdenden "Subpolitik" der Selbstbestimmung in sich birgt. Sie ist - trotz weitgehender Ohnmacht gegenüber den globalen ökonomischen und ökologischen Prozessen - eben nicht nur Ausdruck einer ideologischen Überhöhung der im Bild des "flexiblen Menschen" (vgl. Sennett 1998) dargestellten Folgen der neuesten ökonomischen Transformation des Kapitalismus. Die Existenzform des immer wieder neu, kreativ und chancenorientiert an seiner Lebenscollage weiterbastelnden Individuums ist - so jedenfalls meine These - weder bloßes Mythologem eines wildgewordenen Kapitalismus, noch unproblematischer Ausdruck neuer Freiheiten und Möglichkeiten. Sie ist vielmehr eine zutiefst ambivalente neue Form des Lebens sowie des Selbst- und Gesellschaftsverständnisses, deren Konsequenzen für Gesellschaft und Politik und damit auch für die sozial-, politik- und moralphilosophische Reflexion heute erst in Ansätzen erkennbar sind.

Wie alltäglich erlebbar, korrespondieren den neuen Freiheits- und Gestaltungsspielräumen - für die Stichworte wie Selbstverwirklichung, Selbstbestimmung, Originalität, aber auch Selbstunternehmertum, Neue Selbständigkeit usw. stehen - auch neue Zwänge. Dazu zählen die heute allseits vertrauten Forderungen nach Flexibilität, Beschleunigung, individueller Maximierung in jeder Hinsicht, nach ständiger Fitness sowie Reaktions- und Anpassungsbereitschaft. Exemplarisch werden diese neuen Zwänge besonders am semantischen Wandel des Leistungsbegriffs und der damit indizierten Ausweitung des Leistungsprinzips deutlich. Die in den 50er und 60er Jahren noch weitgehend auf die Arbeitssphäre bezogenen Leistungsanforderungen sind heute in den Bereich der ganzen Lebenswelt eingewandert und dehnen sich auf die ganze Person aus. Von der Figur, dem Outfit, der Informiertheit über kulturelle Ereignisse bis hin zu Körperausdruck und Habitualisierung von Gestik und Mimik - alles gewinnt Bedeutung, nicht nur für die soziale Anerkennung im Freizeitbereich, sondern allgemein für die Marktgängigkeit und den Erfolg der eigenen Person. Eine Semantik der Leistung bestimmt die Sexualität, den Sport und die Erlebnissuche ebenso wie die Arbeit und das ständige Bemühen um die Akkumulation der verschiedenen Kapitalsorten.

Damit findet zugleich eine gewisse Entdifferenzierung der verschiedenen Rollenerwartungen innerhalb der gesellschaftlichen Subsysteme statt: Die Formen des Verhaltens und der Selbstdarstellung beim Sport, bei der Arbeit oder in Szenelokalitäten ähneln sich immer mehr an. Das Leistungsprinzip wird so zu einem Arbeit und Freizeit übergreifenden Imperativ. Einerseits wandert dabei das Leistungsprinzip durch die immer engere Verknüpfung der sozialen Selbstdarstellung mit dem Konkurrenzprinzip in die verschiedenen Formen der individuellen Selbstverwirklichung ein. Zugleich aber wandern andererseits auch die individualisierten Sinnerwartungen und Selbstverwirklichungsansprüche zunehmend in die Organisationsformen der gesellschaftlichen Arbeit ein - womit freilich auch eine neue Qualität des betrieblichen Zugriffs auf die Subjektivität der Arbeitenden verbunden ist (vgl. dazu etwa Baethge 1991 und Voß 1994). Diese werden mehr und mehr im Sinne eines Selbstunternehmertums - egal ob arbeitsrechtlich als (Schein-)Selbständige oder weiterhin als abhängig Beschäftigte - zum individuellen Profitcenter, das die Intensivierung der eigenen Leistung verantwortet.

Die Maximierung individueller Leistung und Fitness in jeder Hinsicht wird also zum Maßstab der Marktgängigkeit und des Erfolgs der einzelnen. Ihre körperliche und psychologische Leistungsfähigkeit entscheidet zunehmend über die beruflichen Chancen, aber auch über die - im Privaten wie in der medialen Präsens gesuchten - Prämien für Originalität und Exklusivität. Diese Prämien bedeuten die eigentliche Bestätigung, ja Krönung der eigenen Individualität und ihrer Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft. Dabei geht es für die einzelnen um die Beherrschung eines im Prinzips unbeherrschbaren, weil unbegrenzten und sich ständig wandelnden Wissens und Könnens, das eben keineswegs nur den wissenschaftlich-technischen Bereich umfaßt, sondern ebenso den Bereich des soziokulturellen Know-how. Zum Erfolg in der Wissensgesellschaft ist dieses symbolisch-kulturelle Wissen mindestens ebenso wesentlich wie das wissenschaftlich-technische, organisatorische und ökonomische Wissen, das in jenem Begriff primär gemeint ist. Die entsprechenden Kenntnisse, die Inkorporierung und Habitualisierung des jeweiligen 'in' und 'out' der neuesten Moden und Formen der Selbstgestaltung, entscheiden wesentlich über den Erfolg der jeweiligen Strategien der Selbstvermarktung. Zwar können sich die Bastelexistenzlerinnen über die jeweils aktuellen Sinn und Lebensstilangebote - insbesondere qua Medien - gut auf dem laufenden halten. Dennoch ist dieses Wissen immer nur ein vorläufiges und prekäres, vom Schatten des Nicht-Wissens begleitet und auf die ständige aufmerksame Beobachtung der anderen und ihrer Bewertungen angewiesen. Ob der Anspruch auf Originalität eingelöst wurde und die Exklusivität der Lebens-Collage gelungen ist, ob die Distinktion und der Kampf um soziale Anerkennung erfolgreich war, bleibt letztlich auf ein trial-and-error-Verfahren angewiesen.

Das Beharren auf Selbstverwirklichung und Selbstgestaltung scheint damit bloßer Schein zu sein, da es doch offenbar um eine möglichst effiziente Realisierung und individuelle Umsetzung der vom Arbeits- und Erlebnismarkt vorgegebenen soziokulturellen Codes und Imperative geht. Aber mit einer solchen Diagnose würde man die komplizierten Mechanismen von Individualisierung und Standardisierung, ihr Wechselspiel, ja ihre "Dialektik", die die Strukturen individualistischer Vergesellschaftung insgesamt kennzeichnet, einseitig wieder auf die alte Manipulations- und Kulturindustrie-These reduzieren. Ich glaube nicht, daß damit die in den Individualisierungsprozessen auch angelegten Möglichkeiten angemessen begriffen werden können. Den theoretischen Alternativen liegen dabei nicht nur unterschiedliche Interpretationen der faktischen Entwicklungen, sondern auch verschiedene Einschätzungen der darin liegenden gesellschaftlichen bzw. politischen Möglichkeiten zugrunde. Bei einer Bewertung der Entwicklungen und ihrer Zukunftsmöglichkeiten ist aus sozial- bzw. moralphilosophischer Perspektive natürlich zu unterscheiden zwischen den daraus resultierenden Chancen für die einzelnen und den gesellschaftlichen und politischen Folgen. Hinsichtlich der Konsequenzen bezüglich der Formen sozialer Integration und der Bedeutung von Werten und moralischen Normen des Selbstbezugs für die einzelnen wird darauf später noch zurückzukommen sein.

Die Dialektik von Individualisierung und Standardisierung hat viele, hier nur ansatzweise darstellbare Facetten. Einerseits geschieht durch die Vergesellschaftung qua Individualisierung, in der die bzw. der einzelne unmittelbar abhängig vom Gefüge des Arbeitsmarktes und Sozialstaats mit den entsprechenden Institutionen und Medien (Geld, Recht, Bildung usw.) agiert, eine neuartige Formierung und Standardisierung von Lebenslagen und kulturell bzw. ästhetisch bestimmten Erlebnismilieus (vgl. Schulze 1992). Diese neuen Formen kultureller Standardisierung unter Individualisierungsbedingungen ergänzen jene Mechanismen ökonomischer und sozialstaatlicher Standardisierung, die schon Beck (1986) als komplementäre Gegentendenz zum Freiheitsgewinn durch Freisetzung aus traditionellen Sozialmilieus beschrieben hat. Trotz aller prinzipieller Freiwilligkeit der Zugehörigkeit zu den kulturell bzw. ästhetisch bestimmten Erlebnismilieus sind freilich Formen des Konformismus und des Gruppendrucks nicht verschwunden, sie scheinen in manchen Kontexten - etwa hinsichtlich des "in" und "out" bei Jugendcliquen - sogar an Bedeutung zu gewinnen. Diese Gegentendenzen, die insbesondere die gemeinsame Verwendung ästhetischer Zeichen zur Voraussetzung sozialer Anerkennung in der peer-group machen, markieren gewisse Grenzen der Individualisierungstendenzen. Sie bedeuten aber keineswegs eine Rücknahme des prinzipiellen Anspruchs, das eigene Leben nach individuellem Ermessen zu gestalten, zumal die entsprechenden Gruppenzugehörigkeiten durchaus wechseln und nicht die Verbindlichkeit traditioneller Milieuzugehörigkeit gewinnen.

Zugleich findet auch auf formaler Ebene gerade durch den massenhaften Anspruch auf individuelle Selbstgestaltung eine Standardisierung statt. Auch der neue kulturelle Imperativ, der zumindest in den reichen westlichen Industrieländern lautet: "Sei verschieden! Sei originell! Sei einzigartig!" - und nicht etwa: "Erfülle das Sittengesetz des Gemeinwesens!" oder "Sei ganz wie Dein Nachbar!" - ist ja ein Imperativ und bewirkt eine gewisse Ähnlichkeit auf dieser formalen Ebene. Auf inhaltlicher Ebene dagegen unterliegt die Besetzung dieser formalen Struktur bzw. die Kombinatorik verschiedener (angebotener oder selbst entwickelter) Lebensstilelemente weniger als früher einem vorgegebenen Verlaufsmuster und wird weitgehend von subjektiven Präferenzen bestimmt. Dem entspricht die bunte Vielfalt von Lebenscollagen und Existenzentwürfen, wie sie zumindest in einigen sozialen Milieus mit kultureller Leitfunktion empirisch zu beobachten ist. Dabei agiert die Bastelexistenz, die ja jenseits von traditionellen Rollensets und Lebensskripts ihr dynamisches Lebensexperiment bewältigen will und muß, immer fallibilistisch. Obwohl das Gelingen der experimentellen Lebens-Collage - im Sinne subjektiven Glücks und/oder der sozialen bzw. ästhetischen Wertschätzung durch die anderen Bastlerinnen und Bastler - nie ganz antizipierbar ist, wird an individueller Entscheidungsmacht und an der Erwartung, Regisseur/in des eigenen Lebens zu sein, festgehalten.

Genau in diesem Anspruch liegt für mich der entscheidende Punkt, der trotz der Abhängigkeit von übermächtigen ökonomischen und soziokulturellen Prozessen doch auch Chancen zur Umsetzung selbstbestimmter Lebensentwürfe eröffnet. Momente des Zwangs - wie etwa Flexibilitätserwartungen der Firmen und des Marktes, Anpassung an oft unkritisch übernommene Flexibilitäts-, Beschleunigungs- und Fitnessgebote - und aber eben auch Momente des Eigensinns und des Widerstands gegen die erwähnten Zwänge sind fast untrennbar miteinander verwoben. Dieses Potential an Eigensinn ist dadurch daran gebunden, daß die einzelnen auf ihrer individuellen Entscheidungsmacht und dem Ziel der Selbstverwirklichung beharren. Dies mag durchaus in vieler Hinsicht illusionär sein. So sind etwa die den entsprechenden Vorstellungen zugrundeliegenden theoretischen Prämissen und Ziele, aber auch die konkrete Bestimmung der eigenen Spielräume oft von Selbsttäuschung und einer Unterschätzung gesellschaftlicher Zwänge bestimmt. Doch auch Illusionen können gesellschaftliche Wirkmächtigkeit gewinnen - zumal, wenn sie von vielen geteilt und von sozialstrukturellen Entwicklungen mitverursacht und gestützt werden. Dies gilt aber für die mit der Bastelexistenz verbundenen Illusionen in besonderer Weise.

In dem Beharren auf individueller Entscheidungsmacht und Selbstverwirklichung erweist sich die Bastelexistenz nämlich als Erbe eines spezifisch modernen Individualitätskonzepts, nämlich des "romantischen Individualismus" mit seinem Ideal der Authentizität und Einzigartigkeit (vgl. Eberlein 2000). Als radikal individualisierte Form der Sinnstiftung, der Selbstthematisierung und der Lebensgestaltung soll dieser Individualismus Identität und Lebensorientierung unter den Bedingungen der modernen funktionalen Differenzierung der Gesellschaft gewährleisten. Trotz seiner problematischen, weil die intersubjektiven und gesellschaftlichen Voraussetzungen nicht hinreichend berücksichtigenden Prämissen ist er zu einer der wirkmächtigsten "Erfindungen" und Illusionen der Moderne geworden. Die Gestaltung des eigenen Lebens und die Entfaltung des privaten Lebensstils, die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung und gelingender Identität, das Ideal eines "authentischen", "eigentlichen", "wahren" oder aber "originell entworfenen", "erfundenen" bzw. "gebastelten" Selbst, die Insistenz auf die unverwechselbare Besonderheit und Einzigartigkeit der Person - all dies sind konstitutive Elemente des romantischen Individualitätsmodells. Als Resultat fundamentaler sozialstruktureller Transformationen und eines zunehmenden Geltungsverlusts kollektiver Identitäten und Weltbilder entspricht diese radikal individualistische Form der Sinnstiftung in besonderer Weise den modernen Bedingungen. Der romantische Individualismus setzt dabei eben jene soziale und funktionale Differenzierung der Moderne voraus, auf die er zugleich kompensatorisch reagiert. Er formuliert ein modernes Ethos, das eine abstrakte und deswegen höchst variable Form der Orientierung und Motivation der einzelnen liefert. Die Verbreitung des romantischen Individualismus erklärt sich dabei vor allem aus seiner Bedeutung als Formulierung eines quasi-religiösen, unausschöpfbaren und deshalb weitgehend enttäuschungsresistenten Sinns. Dessen Flexibilität und Variabilität erweisen sich daran, daß er sowohl alternativen Protest und die Versuche neuer Lebensformen, als auch die sich immer weiter verbreitende konsumistische Erlebnissuche und die Karrieregestaltung auf dem individualisierten Arbeitsmarkt motivieren und bestimmen kann.

In meiner idealtypischen Bestimmung des romantischen Individualismus gehe ich von Georg Simmel (vgl. etwa 1984 und 1992) aus, der diesen mit dem "moralischen Individualismus" der Aufklärungsphilosophie kontrastiert. Letzterer formuliert einen Begriff moralischer Autonomie, der die Gleichheit aller Menschen voraussetzt und auf eine Struktur universaler Anerkennung zielt, während der romantische Individualismus die Besonderheit bzw. Einzigartigkeit des einzelnen hervorhebt. Mehr noch als Simmel betone ich aber aus heuristischen Gründen das Spannungsverhältnis der beiden Individualitätsmodelle, das sich konzeptionell als unaufhebbar erweist, obwohl die beiden Modelle empirisch durchaus in den gleichen Köpfen und Lebenspraxen koexistieren können, ohne daß ihr Gegensatz explizit bewußt würde. Romantischer wie moralischer Individualismus bezeichnen zwei Grundorientierungen der Moderne und setzen zugleich realhistorisch den ökonomischen Individualismus des aufsteigenden Bürgertums voraus. Dabei stehen beide Konzepte jedoch zugleich in einem Spannungsverhältnis zu ihrer eigenen Voraussetzung, was sich in der mehr oder minder radikalen Kritik am ökonomischen Individualismus und seinen Folgen äußert, wie sie mindestens aus einigen Varianten des romantischen und moralischen Individualismus immer wieder vorgebracht wurde. Die Debatten um Moderne und Individualisierung zeigen, daß der Streit um beide Individualitätsmodelle einerseits und ihre jeweilige Kritik am Kapitalismus andererseits wesentlich die verschiedenen Perspektiven moderner Sozial- und Kulturkritik prägen. Die Benennung "romantischer Individualismus" ist dabei als ein Hinweis auf die Bedeutung insbesondere der frühen Romantik, aber auch der in der romantischen Tradition stehenden Zirkel der Bohème und anderer Künstlergruppen für die Formulierung und Verbreitung dieses Individualitätskonzepts zu verstehen. Damit soll freilich nicht unterstellt werden, daß die sehr komplexe Gedankenwelt der historischen Romantik auf diesen einen Aspekt zu reduzieren wäre. So sehr etwa der Gedanke der Individualität im Sinne der Besonderheit bzw. Einzigartigkeit von Personen, aber auch Völkern und Epochen ein geistesgeschichtlich höchst wichtiges Erbe insbesondere Herders und der deutschen Romantik bildet, ist dies doch häufig mit Formen des Allgemeinheitsbezugs bzw. eines Konzepts "organischer" Ganzheit verbunden. Zugleich ist bekanntlich in der historischen Romantik die Thematisierung von Erfahrungen der Fragmentierung des Selbst, seiner ins Kosmische reichenden Erweiterung oder auch der Sehnsucht nach seiner Auslöschung prominent. Solche Vorstellungen sind auch in einigen Formen des romantischen Individualismus vertreten, doch zielen sie meist nicht auf völlige Auflösung, sondern im Gegenteil, auf eine Bestätigung und Erweiterung der Einzigartigkeit des einzelnen. Die Bezeichnung "romantischer Individualismus" soll also insgesamt die Wurzeln dieses Individualitätskonzepts in der historischen Romantik unterstreichen, ohne daß eine vollkommene Identität oder auch bruchlose historische Kontinuität heutiger Formen des romantischen Individualismus mit den Vorstellungen und Identitätskonzepten dieser für die Genese der Moderne insgesamt so wichtigen Epoche behauptet würde.

Das romantische Individualitätskonzept ist als eine der wirkmächtigsten Erfindungen der Moderne historisch auch ein Resultat fundamentaler sozialstruktureller Transformationen. Als eine zunehmend erfolgreich institutionalisierte und deshalb auch historisch und sozial wirkmächtige Fiktion wird er insbesondere dadurch hervorgebracht, daß die Bestimmung von Identität unter den Bedingungen primär funktionaler Differenzierung der Gesellschaft immer mehr von Inklusion (also Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Gruppe) auf Exklusion (also als eine Identität, die sich in der Entgegensetzung zur Gesellschaft und zur Pluralität der Rollenanforderungen konstituiert) umgestellt wird (vgl. Luhmann 1993). Auf den Wechsel von primär stratifikatorischer zu primär funktionaler Differenzierung und auf den damit einhergehenden Verlust einer eindeutigen Identitätsbestimmung durch Inklusion in ein Segment der Gesellschaft sind die einzelnen genötigt, mit einer exklusiven, a-sozialen Selbstdefinition zu reagieren. Damit erweist sich auch das vermeintlich selber ganz eigene und a-soziale Ideal individueller Einzigartigkeit bzw. Originalität entgegen dem oft illusorischen Selbstverständnis seiner Protagonisten als ein soziokulturell verankertes und aus gesellschaftlichen Bedingungen erklärbares Ideal. Die mit ihm verknüpfte Ablehnung sozialer Zwänge und Institutionen zugunsten des genuin eigenen, unentfremdeten Lebens ist also selber ein soziokulturelles Phänomen mit beschreibbaren sozialstrukturellen und kulturhistorischen Wurzeln. Dabei ist der romantische Individualismus natürlich wie jede andere Form von Identität von Formen der Intersubjektivität bzw. des Bezugs auf andere und der Anerkennung durch diese geprägt und abhängig. Als Identitätsform und Teil einer spezifisch modernen Vergesellschaftungsweise ist er eine soziale Form, deren Protagonisten in ihrem Selbstverständnis genau diese soziale Bedingtheit bestreiteten. Man könnte in diesem Kontext von einer gesellschaftlich bedingten Täuschung, von einem geradezu notwendig "falschen Bewußtsein" sprechen: Der sozialstrukturelle Wandel nötigt den einzelnen eine egozentrische Weltperspektive auf. Die einzigartige Individualität und ihre Selbstverwirklichung wird zur Aufgabe, die das Leben auf einen imaginären Fluchtpunkt hin ordnet und zugleich als eine gesellschaftlich wirksame Fiktion ein Terrain sozialer Experimente und ein für Apologeten wie Kritiker der kapitalistischen Modernisierung vielfach gemeinsames Vokabular und Feld der Auseinandersetzung bereitstellt.

Als radikal individualistische und damit spezifisch moderne Form der Selbstthematisierung, der Sinn- und Identitätsstiftung entspricht der romantische Individualismus dem zunehmenden Geltungsverlust kollektiver Identitäten und Weltbilder. (Wobei diese Tendenz der Moderne bekanntlich auch nicht ohne Gegenbewegungen geblieben ist.) Dabei ist er nicht End- oder Höhepunkt moderner Individualisierung, sondern nur eine radikale und sich in den letzten Jahrzehnten stark verbreitende Form. Jede Teleologie ist also abzulehnen: Gegentendenzen etwa kommunitaristischer Art oder eine Rückkehr zu Formen religiös oder ethnisch bestimmter Identität, bei denen die Identifikation mit einer und die Bindung an eine Gruppe bzw. Gemeinschaft dominiert, sind keinesfalls ausgeschlossen. Gleichwohl ist ein völliges Zurückdrängen des romantischen Individualitätsideals bis hin zu seinem Verschwinden wohl allenfalls unter autoritären Bedingungen denkbar. Selbst in Zeiten krisenhafter ökonomischer Entwicklungen und konjunktureller Einbrüche erweist sich das romantische Individualitätskonzept als funktional und flexibel genug, um auf die sich verändernden Umstände zu reagieren. Auch ist seine Bedeutung als kulturelles Leitideal nicht direkt von den Bedingungen ökonomischer Prosperität und sozialer Verteilungsgerechtigkeit abhängig - auch wenn die Chance, sein eigenes Leben tatsächlich entsprechend zu gestalten, natürlich ein Mindestmaß an Verfügung über ökonomische und kulturelle Ressourcen voraussetzt. Insofern ist der romantische Individualismus letztlich doch auf gesellschaftliche Verhältnisse des relativen Überflusses angewiesen bzw. primär ein Phänomen sozioökonomischer Schichten, für die das Problem des unmittelbaren Überlebens nicht den Alltag beherrscht.

Der romantische Individualismus beruht, wie schon erwähnt, auf eben jener sozialen und funktionalen Differenzierung der Moderne, auf die er zugleich kompensatorisch reagiert. Er ist ein Modernisierungsprodukt, das einerseits Formen des Protestes gegen die Modernisierung, den Kapitalismus und die Dominanz von Marktbeziehungen motiviert und ausdrückt, andererseits aber ebenso Varianten entwickelt, die mit dem Prozeß kapitalistischer Modernisierung kompatibel und für diesen funktional sind bzw. sogar zu seiner Radikalisierung beitragen. Er bildet damit eine Art Reservoir von Ideen, Vorstellungen, Werten usw. und liefert ein weitverbreitetes Vokabular, in dem sich Anpassung und Widerspruch, Kompatibilität mit den gesellschaftlichen Bedingungen und deren ideologische Überhöhung, aber auch Eigensinn gleichermaßen ausdrücken können. Er erweist sich als eine Konzeption, die trotz ihrer illusionären Prämissen eine der wirkmächtigsten Erfindungen und Fiktionen der Moderne darstellt und mit der massenhaften Sehnsucht, sich als einzigartiges Individuum "selbst zu verwirklichen", nach der Krise der "großen Erzählungen" geradezu zu einer Art Ersatzreligion der Gegenwart geworden ist. Seine Flexibilität, die Vielfalt und Vieldeutigkeit seiner Varianten bei gleichzeitig durchaus markanter "Familienähnlichkeit", machen dabei zusammen mit der praktischen Unausschöpfbarkeit seiner motivationalen Ressourcen seine eigentliche Stärke aus.

Sozialgeschichtlich betrachtet, verbreitete sich das Ideal individueller Selbstverwirklichung und Einzigartigkeit zunächst über marginale Künstlerkreise der Romantik und der Bohème, dann besonders durch die Alternativbewegungen des 20. Jahrhunderts allmählich in den Mainstream der Gesellschaft. Obwohl der romantische Individualismus historisch mit dem Geniebegriff und einem verbreiteten Selbstverständnis moderner Künstler verknüpft ist und in ihn oft ästhetische Elemente und Bewertungen einfließen, sind die für ihn charakteristischen Vorstellungen und Werte meiner Meinung nach nicht hinreichend im Kontext ästhetischer und kunstgeschichtlicher Entwicklungen zu verstehen, sondern sind vielmehr als ein spezifisch modernes Ethos der Selbstverwirklichung in gesellschaftstheoretischer Perspektive zu analysieren und zu erklären. Hinzu kommt die wachsende Verbreitung des romantischen Individualitätsmodells, die es aus dem sozialen Kontext marginaler Künstlergruppen heraus zu einem Ethos des gesellschaftlichen Mainstream gemacht hat und die Unzulänglichkeit einer primär ästhetischen Perspektive bestätigt. Den komplexen Prozeß seiner gesellschaftlichen Verbreitung und der dabei eingetretenen Wandlungen und Verschiebungen zu erläutern, ist hier nicht der Raum. Wichtig ist an dieser Stelle aber die Unterscheidung zwischen einem Selbstfindungs- und einem Selbstproduktionsmodell des romantischen Individualimus': Das Selbstfindungsmodell geht von der Annahme eines jeweils einzigartigen "inneren Kerns" des Individuums als dessen "wahren Selbst" aus, das es aufzufinden bzw. von den "entfremdenden" gesellschaftlichen Überformungen zu befreien und zu "verwirklichen" gilt. Dagegen unterstellt das Selbstproduktionsmodell nicht ein aufzufindendes wahres Selbst, sondern faßt Selbstverwirklichung als "Selbsterfindung", als Kreation des eigenen einzigartigen Selbst nach dem Vorbild künstlerischer Produktion.

Etwa mit dem Wechsel von den 70er zu den 80er/90er Jahren wuchs die Bedeutung des Selbstproduktions- auf Kosten des Selbstfindungsmodells. Zugleich kam es nicht nur zu einer "Versöhnung" von Leistungsprinzip und romantischem Individualismus, sondern zu einer Radikalisierung des Leistungsprinzips, das gerade durch die Verbreitung des Strebens nach individueller Einzigartigkeit mehr und mehr zu einem Arbeit und Freizeit übergreifenden soziokulturellen Imperativ wurde. Ging es nämlich in den Alternativbewegungen der 70er Jahre (und davor, vgl. Hennig 1989) noch um Selbstfindung und um die Befreiung von allen entfremdenden gesellschaftlichen Institutionen, Rollendifferenzierungen und Zwängen, so wurden in den 80er und 90er Jahren die heteronomen und heterogenen Momente der Außenwelt zunehmend affirmiert und als Material vielfältiger Selbstpraktiken zur eigenen Lebenscollage integriert. Das Ziel war nun meist nicht mehr die Selbstfindung, sondern eine Selbstproduktion im Sinn einer vor allem nach hedonistischen und ästhetischen Kriterien betriebenen Selbstgestaltung. Durch soziokulturelle Prozesse wie die Ausweitung des Leistungsprinzips und der Konsumchancen, aber auch etwa durch die Wirkung ästhetischer und intellektueller Trendsetter - wie beispielsweise durch eine breite Rezeption von Foucault und anderen der Postmoderne zugerechneten Autoren - wurde das oft rigide, moralistische Vokabular des Selbstfindungsmodells durch das eher spielerisch-ironische, manchmal auch agressiv-zynische Vokabular des Selbstproduktionsmodells abgelöst. Dieser Entwicklung im Sinne der Postmoderne entsprach eine zunehmende Versöhnung des romantischen Individualismus mit den Folgen gesellschaftlicher und rollenbezogener Differenzierung. Mit der Diffusion des romantischen Individualismus in die Gesamtgesellschaft änderte sich also sowohl die Gesellschaft, als auch der romantische Individualismus selbst. Die postmoderne Lebensform der Bastelexistenz und die sie bestimmenden Charakteristika individualistischer Selbstgestaltung lassen sich als eine aus diesem Transformationsprozeß resultierende Variante des romantischen Individualismus begreifen.

Obwohl nun das Selbstfindungsmodell der Alternativkulturen mit seinem offenkundig gesellschaftskritischen Gestus viel eindeutiger politisch orientiert und in dieser Hinsicht auch wirksam war, kann, wie ich meine, auch die Bastelexistenz ein politisches Potential entwickeln. Zumindest solange ein gewisses Niveau gesellschaftlichen Wohlstands gewährleistet ist, stellt der romantische Individualismus der Bastelexistenz gerade durch die Insistenz auf individuelle Besonderheit, ja Einzigartigkeit und die Struktur radikaler Selbstbezüglichkeit auch Ressourcen des Eigensinns und des Widerspruchs gegen ökonomische Zwänge bereit. Damit verlieren diese Zwänge allerdings nicht ihre Macht, so daß die Bastelexistenz im schlimmsten Fall zu einer nicht mehr von Selbstverwirklichungsansprüchen, sondern nur noch von der ökonomischen Notwendigkeit vielfältiger Jobs bestimmten Lebensweise werden kann. Soweit irgend möglich, versuchen aber die Bastelexistenzlerinnen, ihre Ansprüche auf Selbstgestaltung des eigenen Lebens mit den ökonomischen Zwängen in einer oft prekär bleibenden Balance - deren Gelingen nicht zuletzt vom Marktwert der eigenen Fähigkeiten und Kenntnisse abhängt - zu vereinbaren. Den Ressourcen des Eigensinns und des Widerspruchs steht zugleich auch die ideologische Ausbeutbarkeit der Selbstverwirklichungs- und Einzigartigkeitsansprüche für die Produktwerbung der Erlebnisindustrie entgegen. Die Diagnose bleibt also ambivalent: Wie andere geschichtsmächtige Fiktionen - etwa die großen Religionen - auch, kann der romantische Individualismus vielerlei Gestalt und historische Bedeutung annehmen und damit eine Gestalt des Widerspruchs gegen als auferlegt empfundene Zwänge, aber ebenso auch eine Gestalt der Anpassung an diese sein.

Bei den Formen des romantischen Individualismus' bis hin zur Bastelexistenz knüpft sich das Widerstandspotential meiner Ansicht nach - mangels einer als vorbildhaft gedachten kollektiven transzendenten Instanz und Ordnung - besonders an die Struktur radikaler individueller Selbstbezüglichkeit und die daran immer wieder geknüpfte Frage: "Ist dies das Leben, das ich führen möchte?" Diese Frage konfrontiert nicht nur die Realität des eigenen Lebens und seiner Zwänge mit den überschießenden Erwartungen auf Glück, sondern sie hält auch die Potentialität und Unabgeschlossenheit des eigenen Lebens offen. Durch das für den romantischen Individualismus insgesamt charakteristische Moment der Unendlichkeit bzw. Unabschließbarkeit des Lebensexperiments und durch die für die Bastelexistenz bezeichnenden Brüche und Fragmentierungen der Biographie bleibt die narrativ hergestellte Kohärenz der Identität immer prekär und bedroht. Dies bietet aber zugleich auch die Chance, die Erzählungen der eigenen Identitätskonstruktionen nicht als abgeschlossene Deutungen von Vergangenheit, sondern als immer wieder neue, zukunftsbezogene Entwürfe aufzufassen. Hier tritt wieder das fiktionale Element hervor, insofern als nicht das faktisch gelebte Ausgangsmaterial des gelebten Lebens mit all seinen Bedingtheiten, sondern dessen Ein- und Umarbeitung in die narrative Konstruktion entscheidend wird. Mit den Aspekten der radikalen Selbstbezüglichkeit und Unvertretbarkeit bzw. Einzigartigkeit des eigenen Lebens ist ein Fokus der narrativen Konstruktion gegeben, der dieser einen gegenüber aller Funktionalisierung sperrigen Eigensinn verleiht.

Damit schafft die Struktur radikaler Selbstbezüglichkeit und die Heterogenität der Lebenscollagen auch eine Entwicklungsoffenheit und potentielle Dysfunktionalität für ein allzu glattes Funktionieren im Getriebe. Die Pluralität, Offenheit und Unabschließbarkeit der individuellen Lebensumstände kann zu einem Selbstverhältnis und Selbstverständnis der Bastelexistenz führen, das zur ständigen Suche nach Kontakten, zur permanenten "Vernetzwerkung" und zur Veränderungsbereitschaft gegenüber allen individuellen Grenzen motiviert. Es geht dann nicht mehr darum, mit aller Gewalt der Exklusion ein starres Selbst zu erhalten, sondern Spannungszustände auszuhalten, Krisen immer wieder zu bewältigen und eine Identität in bezug auf andere zu entwickeln, die mit weniger agressiven Ausschlußmechanismen auskäme. Gerade die radikale Selbstbezüglichkeit schafft einen Rahmen, innerhalb dessen die Offenheit und Unabschließbarkeit der modernen Identität zu einem flexiblen Entwurf idiosynkratischer Individualität gestaltet werden kann. Dabei kann natürlich auch diese Form der Identitätsbildung nicht als solitärer Entwurf des einzelnen gelingen, sondern ist auf kommunikative Prozesse der intersubjektiven Anerkennung angewiesen. Unverwechselbare Individualität und Eigenheit kann nur im Zusammenwirken mit andern, mit einem sozialen Umfeld entwickelt und bewahrt werden. Auch stammen ja große Teile des Materials, das in die Identitätskonstruktion einfließt, gerade nicht aus einem geheimnisvollen "Eigenen" des Individuums, sondern aus dem kulturell verfügbaren bzw. kulturindustriell angebotenen Fundus.

Der romantische Individualismus bietet trotz seiner weitgehend illusionären Prämissen und Ziele einen Rahmen für eine narrative Identitätskonstruktion, die im Sinne einer "Aneignungsgeschichte" das Erlebte der eigenen Lebensgeschichte zum Material eines primär nach dem Kriterium der Unverwechselbarkeit und Einzigartigkeit des eigenen Lebens und Selbsts gestalteten Entwurfs werden läßt. Ähnlich wie bei dem für den moralischen Individualismus zentralen Gedanken einer Verantwortungsübernahme für das Ganze der eigenen Lebensgeschichte, also auch für jene Elemente, die mir eher widerfahren sind, als daß sie im gelebten Moment die Folge bewußt verantworteter eigener Entscheidungen waren (vgl. Habermas 1988), ist auch hier der fiktive Charakter deutlich. Er ist aber schon deswegen kein Argument gegen die Wirkmächtigkeit solcher narrativer Identitätskonstruktionen, weil die Selbstdeutung der Lebensgeschichte nach einem solchen Muster ihrerseits nicht nur den auch auf zukünftiges Handeln gerichteten Selbstentwurf, sondern damit einhergehend auch die subjektiven Handlungsmotive nachhaltig beeinflußt. Neben dem Motiv der Einzigartigkeit werden dabei im Kontext des romantischen Individualismus auch andere Momente wirksam. Dazu gehört das Interesse an agency - habe ich gehandelt, oder ist mir nur etwas widerfahren, bin ich Akteur oder nur Objekt? - ebenso, wie das genuin romantische Beharren auf der Offenheit und Unabschließbarkeit der Identität. Die mit der Bastelexistenz verbundenen Ressourcen des Eigensinns und der Widerständigkeit sind untrennbar mit der Dynamik und dem Spannungsverhältnis verbunden, die aus dem Verhältnis zwischen dem fiktiven Einheitspunkt der "einzigartigen" Individualität und der unabschließbaren Offenheit des Prozesses ihrer Herstellung resultieren.

Politisch bedeutete dies alles wohl, daß die Distanz gegenüber Organisationen und Institutionen - auch gegenüber solchen der politischen Willensbildung - eher noch zunehmen wird. Der Widerspruch zwischen der weitgehenden Akzeptanz des Leistungsprinzips und der geläufigen Prämien auf Fitness und Originalität einerseits, dem auch bei den Bastelexistenzlerinnen weit verbreiteten Empfinden eines Unterworfenseins unter unkontrollierbare Prozesse und Risiken andererseits, führt aber zugleich zu einer tiefen Ambivalenz insbesondere bezüglich des gesellschaftlich dominierenden Marktprinzips. Hier hat die verbreitete Akzeptanz der Differenzierung der gesellschaftlichen Rollen und Subsysteme wohl ihre Krux: So wie diese Differenzierung durch die zunehmend universelle Durchsetzung des Leistungs- und Marktprinzips - denn nur solche Leistung zählt, die auf Märkten, und sei es auf Erlebnismärkten, anerkannt und gekauft wird - eine Gegenbewegung erfährt, so ist der Spielraum der Bastelexistenzlerinnen zuletzt von der Dominanz dieses einen Organisationsprinzips beschränkt. Das Spiel mit den von den Märkten aller Art eröffneten Möglichkeiten bietet Freiheiten - und setzt ihnen Grenzen. Daß aus der Perspektive radikaler Selbstbezüglichkeit diese Grenzen auch von den Bastelexistenzlerinnen oft als Zwang erfahren werden, bedeutet freilich noch nicht, daß die politischen und gesellschaftlichen Alternativen klar wären. Neue Protestbewegungen aus dem Geiste des romantischen Individualismus sind wohl zu erwarten - über ihre genaue Form und Folgen kann nur spekuliert werden. Aber auch die heutigen mehr oder weniger militanten Proteste gegen die Globalisierung sind meiner Meinung nach nicht ausschließlich von Fragen der Verteilungsgerechtigkeit oder des Primats der Politik über die Ökonomie her erklärbar. In ihnen drückt sich vielmehr auch der in der Tradition der Alternativbewegungen stehende Impuls aus, das Ideal individueller Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung gegen die übermächtigen Zwänge des Marktes und die Zumutungen der Institutionen und ihrer Rollen zu retten.

Damit komme ich zur Frage nach der sozialen Integration der romantischen Individualisten. Der Begriff der Integration ist - wie sich schon bei einer Reflexion der eben angesprochenen politischen Fragen zeigt - sehr vieldeutig und wäre ein Thema für sich: Sein Gebrauch in den verschiedenen sozialwissenschaftlichen und sozialphilosophischen Diskursen meint nämlich nicht nur ganz verschiedene Integrationsmodi, sondern impliziert auch entgegengesetzte normative Konnotationen. So gelten vielen Gesellschaftskritikern die heutigen Individualisten als zugleich zu stark und zu wenig integriert: überintegriert im Sinne einer angeblich rückhaltslosen Akzeptanz der ökonomischen Bedingungen, Leistungsimperative und Ausschlußmechanismen; zu wenig integriert im Sinne eines Mangels an moralischen Verbindlichkeiten und allgemein geteilten Gerechtigkeitsvorstellungen. Unabhängig von den in diesen Bewertungen deutlich werdenden normativen Erwartungen an die "richtige" Form gesellschaftlicher Integration wäre aber aus meiner Sicht zunächst zu fragen, welche Formen und Medien der Integration für eine zunehmend globalisierte Gesellschaft denn unabdingbar sind.

Die dabei wohl umstrittenste Frage ist, welche Bedeutung der normativen Integration zukommt bzw. zukommen muß und welches ihre notwendigen Formen und Inhalte wären. Ist neben Strukturen ökonomischer, politischer und rechtlicher Integration eine "schwache" normative Integration ausreichend, die schon dann vorliegt, wenn die Mitglieder einer Gesellschaft sich prinzipiell über ihre Vorstellungen verständigen können - im doppelten Sinne einer sprachlichen Verständigung über das Gemeinte und einer prinzipiellen Anerkennung der Vorstellungen und Ansprüche der anderen, wenn also die Mitglieder einer radikal individualisierten Gesellschaft einander ganz gut verstehen, ja sogar auf einer formalen Ebene ganz einig sind in ihrem Ziel individueller Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung und einander deswegen auch mindestens im Prinzip das gleiche Recht auf Selbstverwirklichung zugestehen? Oder sind Formen einer "starken" Werteintegration im Sinne emphatisch geteilter Gemeinschaftsvorstellungen notwendig? Oder vielleicht gar, angesichts der Partikularität jeder faktischen Gemeinschaft, eine "starke" Werteintegration im Sinne von emphatisch geteilten Normen einer universalistischen Gerechtigkeit, die die einzelnen zwar nicht auf die spezifischen Werte einer konkreten Gemeinschaft, wohl aber auf einen gelebten Altruismus verpflichtet, der motivational wohl auch nicht ohne eine starke Identifikation mit dem Kollektiv Menschheit funktioniert? Und wenn ja, wie ließe sich verhindern, daß diese "starke" Integration auch entsprechend radikale Mechanismen des Ausschlusses der "Anderen" (etwa der nicht zur universalistischen Moral bereiten oder fähigen Partikularisten) produziert und vielleicht auch zur Identitätskonstruktion benötigt?

Das Problem der sozialen Integration der romantischen Individualisten läßt sich auch so formulieren: Wie kann das verbreitete Streben nach idiosynkratischer Individualität trotz seiner egozentrischen Orientierung plausibel mit den Imperativen moralischer Autonomie und den Prinzipien der Gleichheit und Gerechtigkeit verknüpft werden, die die Grundlage der normativen Integration moderner Gesellschaften bilden? Wie können romantischer Individualismus und moralischer Universalismus miteinander vereinbart werden, ohne daß sich im Konfliktfall regelmäßig der Primat egozentrischer Orientierungen durchsetzt? Zur Benennung der gesuchten, die divergierenden Elemente moderner Individualität integrierenden Identitätsform bietet sich eine aneignende Übernahme des ursprünglich aus der antiken Philosophie stammenden Begriffs des "guten Lebens" an. Wie wäre also eine spezifisch moderne, den moralischen Universalismus ebenso wie die Tendenzen radikaler Individualisierung berücksichtigende Theorie des "guten Lebens" zu konzipieren? Kann das moderne Ideal der Selbstverwirklichung so mit dem Bezug auf Allgemeinheit verbunden werden, daß die Dimensionen des Glücks und der Gerechtigkeit unter den heutigen Bedingungen radikaler Individualisierung zu integrieren wären? Wie müßte dabei das Verhältnis der Rechte der einzelnen zu ihren Pflichten gegenüber sich selbst, besonders aber zu ihren Pflichten gegenüber den anderen philosophisch bestimmt werden?

Der Leitgedanke dabei ist, daß eine philosophische Theorie des "guten Lebens" mit einer Analyse ihrer gesellschaftlichen Verwirklichungsbedingungen verknüpft sein sollte. Aber die philosophische Bestimmung des "guten Lebens" ist nicht nur zu ihrer Umsetzung auf ein Verständnis gesellschaftlicher Bedingungen angewiesen, entsprechende Versuche sind vielmehr selbst in einem tieferen Sinn historisch-gesellschaftlich geprägt, insofern sie nämlich im Ausgang von und in der Kritik an den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen formuliert werden. So muß eine heutige Bestimmung des "guten Lebens" auch von der faktischen Dominanz der oben als Bastelexistenz beschriebenen, zugleich radikal individualistischen und von der postmodernen Einsicht in die Abhängigkeit von unbeherrschbaren Bedingungen und Diskursen geprägten Identitätsform ausgehen. Erst auf der Basis der Anerkennung der Tendenzen radikaler Individualisierung und des daraus folgenden Versuchs, das moderne Ideal der Selbstverwirklichung mit einem Bezug auf moralische Allgemeinheit zu verbinden, wäre ein Begriff des "guten Lebens" zu gewinnen, der es vielleicht erlaubte, die im antiken Begriff der Eudaimonia noch enthaltenen Dimensionen der Verwirklichung des Telos des eigenen Lebens, der Glückseligkeit und der Gerechtigkeit unter den heutigen Bedingungen radikaler Individualisierung in einem - sicher nicht konfliktfreien - Bündnis zu integrieren.

Literatur

  • Baethge, Martin (1991): Arbeit, Vergesellschaftung, Identität - Zur zunehmenden
  • normativen Subjektivierung der Arbeit, in: Zapf (Hrsg.), Die Modernisierung moderner Gesellschaften, Frankfurt: Campus
  • Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M.: Suhrkamp
  • Eberlein, Undine (2000): Einzigartigkeit. Das romantische Individualitätskonzept der Moderne, Frankfurt: Campus
  • Habermas, Jürgen (1988): Nachmetaphysisches Denken, Frankfurt/M.: Suhrkamp
  • Hennig, Christoph (1989): Die Entfesselung der Seele. Romantischer Individualismus in den deutschen Alternativkulturen, Frankfurt/M.
  • Hitzler, Ronald/Honer, Anne (1994): Bastelexistenz. Über subjektive Konsequenzen der Individualisierung, in: Beck/Beck-Gernsheim (Hrsg): Riskante Freiheiten, Frankfurt/M.
  • Luhmann, Niklas (1993): Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft, Bd. 3, Frankfurt/M.: Suhrkamp
  • Schulze, Gerhard (1992): Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt: Campus
  • Sennett, Richard (1998): Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus, Berlin: Berlin Verlag
  • Simmel, Georg (1984): Das Individuum und die Freiheit, Berlin: Wagenbach
  • Simmel, Georg (1992): Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Frankfurt/M.: Suhrkamp
  • Voß, Günter (1994): Das Ende der Teilung von Arbeit und Leben?, in: Beckenbach/Van Treeck (Hrsg.): Umbrüche gesellschaftlicher Arbeit, Göttingen

Undine Eberlein: Neue Individualitätskonzepte zwischen Integration und Eigensinn
Beitrag zum Kongress "Gut zu Wissen", Heinrich-Böll-Stiftung, aus: Heinrich-Böll-Stiftung(Hg.): Gut zu Wissen, Westfälisches Dampfboot 2002


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