Start>>Themen>>Global Commons>>Intellectual Property Policy>>


Felix Stalder

Keynote zur Veranstaltung
Kompensation oder Kontrolle? Die Musikindustrie nach der MP3-Revolution

Die gesellschaftliche Bedeutung der 'MP3 Revolution' wird durch zwei höchst unterschiedliche Dynamiken bestimmt, die in der Diskussion fälschlicher Weise miteinander vermischt werden. Um diese Diskussion vorwärts zu bewegen, ist es aber notwendig, sie klar voneinander zu unterscheiden.

Auf der einen Seite haben wir die Tatsache, dass die Entwicklung von peer-to-peer Tauschbörsen die Art und Weise, wie ein Künstler an sein Publikum gelangen kann, bereits revolutioniert haben. Dies ist besonders ausgeprägt, wenn das Publikum aus Teenagern besteht. Was hier in den letzten Jahren passiert ist, ist irreversibel. Es ist heute möglich, praktisch ohne Kosten Musik global zu vertreiben. Und das noch höchst skalierbar. Je höher die Nachfrage nach einen Musikstück, desto öfter kommt es in den Tauschbörsen vor. Sinkt die Nachfrage, geht das Angebot langsam zurück. Für Künstler ist das zunächst einmal eine gute Situation, denn es erlaubt auch Nischenprodukten, und die allermeisten kulturellen Produkte sind Nischenprodukte, global verfügbar zu sein.

Freie Tauschbörsen haben den Nebeneffekt, dass sie digitale Musik in ein öffentliches Gut verwandeln, das ohne Verluste konsumierbar ist. Das klassische Beispiel eines öffentlichen Gutes ist das Straßenlicht, das allen uneingeschränkt zu Verfügung steht. Ähnlich wie das Straßenlicht, das auch nicht abnimmt, wenn mehr Leute auf der Strasse sind, kann auch Musik in Tauschbörsen nicht übernutzt werden. Niemand hat weniger, wenn andere mehr haben. Unter solchen Umständen sind die häufig gebrauchten Metaphern von Diebstahl oder Piraterie schlicht und einfach nicht zutreffend. Ähnlich absurd wäre es zu klagen, dass jemand das Straßenlicht stiehlt.

Das Problem allerdings ist, dass die peer-to-peer Revolution nicht weit genug gegangen ist. Sie hat nur das Distributionsproblem gelöst. Wie bei allen öffentlichen Gütern besteht die Frage: wie sollen die Produzenten für ihren Aufwand kompensiert werden, wenn die Produkte ihrer Arbeit nachher für alle frei zugänglich sind. Das ist das eine Problem: die peer-to-peer Revolution ist auf halben Wege stehen geblieben.

Das andere Problem bestimmt vor allem die politische Dimension der Diskussion. Die Musikindustrie wehrt sich mit Händen und Füssen dagegen, ihr etabliertes Geschäftsmodell den neuen Möglichkeiten anzupassen. Stattdessen erleben wir den Versuch, das technologische und legale Umfeld so umzukrempeln, dass es der Industrie erlauben soll, Musik wie bisher zu verkaufen. Nur eben ohne Träger. Wir haben es hier also nicht mit der Wahrung von finanziellen Künstlerinteressen zu tun, oder auch nicht mit der Wahrung von moralischen Rechten, sondern, schlicht und einfach, mit Industriepolitik. Wie verfehlt diese Politik aber ist, lässt sich leicht an den Folgen ermessen. Diese sind höchst unerfreulich, auch für die Industrie selbst, die sich gezwungen sieht, gegen ihre eigenen Kunden vorzugehen. Besonders jetzt, da gerichtlich festgestellt wurde, dass sich Tauschbörsen als solches sich nicht verbieten lassen.

Gesellschafts- und kulturpolitisch betrachtet, geht es nun darum, das erste Problem kreativ anzugehen, ohne in die Falle des zweiten Problems zu tappen.

Wie können wir nun die kreativen ProduzentInnen für ihre Arbeit kompensieren, wenn diese, kaum veröffentlicht, frei verfügbar ist? Wir müssen einen Modus finden, damit KünstlerInnen, die Angebote schaffen, die vom Publikum nachgefragt werden, entschädigt werden, ohne dass wir dafür die Endnutzer in ein restriktives Kontrollkorsett zwängen müssen. Genau dies zu ermöglichen ist das Ziel des Vorschlages einer Content "Flatrate" oder "online Kulturpauschale".

Sie funktioniert folgendermaßen: Rechteinhaber werden indirekt entschädigt, über eine Abgabe, die auf Dienste und Güter erhoben wird, die in direkten Zusammenhang mit dem Konsum von digitalen Musik stehen. Man kann hier etwa an MP3 Player und Breitband Internetzugang denken. Digitale Werke, die unter dieses System fallen sollen, werden registriert, und mit einer Markierung versehen, die ihre Identifikation ermöglicht. Etwa mit einem digitalen Wasserzeichen oder einem speziellen XML code, ähnlich wie er heute schon benutzt wird, um Metadaten in MP3 files zu kodieren. Wichtig ist: die digitalen Werke werden nicht verschlüsselt und sie können weiterhin frei ausgetauscht werden. Schließlich geht es ja darum, die Effizienz von freien peer-to-peer Systemen zu nutzen. Die Identifizierung der Files erlaubt es, an neuralgischen Punkten, etwa in peer-to-peer Netzwerken oder auf Download Servern, zu messen, welches Werk wie oft nachgefragt wird. Daraus erlässt sich dann die Popularität bestimmen, aufgrund derer der Rechtsinhaber aus dem bestehenden Pool kompensiert wird.

Ein solches System hat mehrere Vorteile, über die bereits erwähnte Kosteneffizienz in der Distribution hinaus. Ich möchte hier nur drei erwähnen:

Erstens: fairer Marktzugang für alle. Das System ist für den Anbieter sehr kostengünstig. Das bedeutet, dass alle Anbieter gleichermaßen davon profitieren können. Es ist nicht notwendig, erst in teurere DRM Technologien zu investieren. Dies ist besonders für kleinere Anbieter, das ist die überwiegende Mehrheit der KünstlerInnen, überlebensnotwendig.

Zweitens: genaue Marktsignale. Die Anbieter erhalten sehr viel genauere Signale, welche Angebote nachgefragt werden, als sie das über den herkömmlichen Markt in Plattenläden erhalten. Es ist kein Zufall, dass die Musikindustrie heute schon Daten über die Nutzung von peer-to-peer Netzwerken erhebt. Sie macht das nicht nur, um die Nutzer zu verklagen, sondern vor allem auch, um schneller und genauere Informationen zu erhalten, was die Fans wirklich mögen. Da die Auszahlung der Kompensation an die Nachfrage nach den Produkten gerichtet ist, werden weiterhin finanzielle Anreize geschaffen, das zu produzieren, was auch wirklich nachgefragt wird. Nur dass in einer Kulturpauschale, die Nachfrage direkt erhoben werden kann, und nicht über einen stark verzerrenden Markt, der auf wenige Renner ausgerichtet ist, die all von einer Handvoll Anbieter stammen.

Drittens: Schutz der Privatsphäre. Da es nicht darum geht, wer ein Musikstück nachfragt, sondern nur wie oft es nachgefragt wird, müssen die einzelnen Benutzer nicht persönlich identifiziert werden. Dies erlaubt den Schutz der Privatsphäre, wie sie auch von europäischen Richtlinien und nationalen Gesetzen verlangt wird.

Der Teufel steckt natürlich im Detail, und die bestehenden Verwertungsgesellschaften können nur bedingt als ein Modell dienen. Die einzelnen Elemente auszuarbeiten ist noch ein gutes Stück Arbeit und wir stehen hier erst am Anfang der Diskussion.

Bedeutet dies, dass eine Kulturpauschale unrealistisch ist? Klar ist, so etwas lässt sich über Nacht nicht realisieren. Aber man muss das in der richtigen Dimension sehen, besonders im Verhältnis zum alternativen Vorschlag, einer DRM-basierten vollumfänglichen, ewigwährenden Kontrolle der gesamten digitalen kulturellen Produktion. Wir sprechen hier von einem grundsätzlichen Umbau einer bis in alle Lebensbereiche verbreiteten Kulturtechnologie, des Computers. Ein Computer besteht im wesentlichen aus zwei Grundfunktionen, dem Manipulieren und dem Kopieren von Daten. Das Kopieren von Inhalten effektiv zu unterbinden, verlangt einen Umbau der gesamten Infrastruktur mit weitreichenden Folgen. Ist das eine realistische Perspektive? Da bin ich nicht überzeugt, und nicht nur ich, sondern vor allem auch genau diejenigen Ingenieure, die diese neue Kontrolltechnologie tatsächlich entwickeln. In der Praxis ist das nicht zu bewerkstelligen, deshalb drängt die Industrie auf immer strengere Gesetze, die mittels repressiver Maßnahmen, das ermöglichen soll, was technisch nicht durchsetzbar ist. Die Folgen gehen weit über den Schutz einer, volkswirtschaftlich gesehen, relativ kleinen Industrie hinaus. Es werden Probleme geschaffen, die nur schwer vereinbar sind mit einer demokratischen Wissensgesellschaft. Ist das akzeptabel? Auch hier bestehen schwere Bedenken.

Lassen sie mich zum Abschluss noch auf zwei Punkte zu sprechen kommen, die häufig als Argumente gegen eine solche Pauschale aufgeführt werden.

Erstens: Das sei die Enteignung von KünstlerInnen, die die Kontrolle über die Verbreitung ihres Werkes verlieren. Dies ist natürlich falsch. Diese Kontrolle besteht heute schon nicht. Jeder kann eine Lizenz erwerben, um eine Cover-version eines Stückes einzuspielen. Das Radio kann jedes Musikstück spielen, das es möchte. Und, last but not least, die GEMA macht es einem Musiker in diesem Land faktisch unmöglich, einige seiner Stücke unter einer freien Lizenz, wie sie vom Creative Commons Projekt entwickelt wurden, anzubieten. In einem pikanten Fall hat EMI dem brasilianischen Kulturminister und Musiker Gilberto Gil verboten, seine Stücke unter einer solchen Lizenz neu aufzulegen. Wo ist hier die Kontrolle und Selbstbestimmung der Künstler? Darüber hinaus ist natürlich Enteignung der völlig falsche Begriff, denn es wird ja niemanden etwas weggenommen. Ganz im Gegenteil, es wird eine neue Verwertungsmöglichkeit geschaffen.

Der zweite Einwand ist, dass eine Kulturpauschale das Ende der Musikindustrie sei. Auch das ist falsch, beziehungsweise stimmt nur, wenn wir dieser Industrie überhaupt kein Innovationspotential zubilligen. Die Situation ist etwa diejenige, wie wenn Mineralwasserproduzenten fordern würden, man solle das Leitungswasser in Privatwohnungen abschaffen, denn es mache ihren Markt kaputt. Macht sie das? Natürlich nicht, denn sie hat gelernt, mit einem freiverfügbaren Produkt zu leben, in dem sie ein höherwertiges und spezialisiertes Produkt anbietet. Und wenn ich hier auf das Panel schaue wird das offensichtlich rege nachgefragt.

Dr. Felix Stalder, Lecturer in Media Economy, Academy of Art and Design, Zürich / Gründer Openflows.org


Felix Stalder: Keynote zur
Veranstaltung "Kompensation oder Kontrolle? Die Musikindustrie nach der MP3-Revolution"
09/2004


NACH OBEN # ZURÜCK


WWW.WISSENSGESELLSCHAFT.ORG # HEINRICH-BÖLL-STIFTUNG # 2004