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Hans N. Weiler

Wissen und Macht in einer Welt der Konflikte
Zur Politik der Wissensproduktion

Die Diskussion über die Wissensgesellschaft läuft Gefahr, auf gut gemeinte Weise zu einem technokratischen Diskurs zu verkommen. Die Indizien sind vorhanden: Von "Wissensmanagement" ist die Rede, von "Schlüsselkompetenzen" und "Digitalisierung", von "human resources" und vom Bedarf neuer Arbeitsmärkte, von Informationskanälen und globalem Wettbewerb - wichtige Fragen allemal, aber für eine sachgerechte Auseinandersetzung mit einem so komplexen Gegenstand wie Wissen unzureichend.

Das Defizit des Diskurses liegt zum einen darin, daß er sich nicht kritisch genug mit dem Begriff von "Wissen" und seinen epochalen Veränderungen im Verlauf des 20. Jahrhunderts beschäftigt, und zum andern darin, daß er sich nicht gründlich genug mit den politischen Bedingungen und Folgen der Schaffung und Verwendung von Wissen auseinandersetzt.

In diesem Beitrag unternehme ich den Versuch, dieses doppelte Defizit zu thematisieren und zu überwinden. Dieser Versuch

  • geht aus von den tiefgreifenden Wandlungen im Verständnis dessen, was "Wissen" bedeutet und wie es entsteht (Teil 1),
  • stellt sodann (in Teil 2) die Grundzüge einer "Politologie des Wissens" dar und illustriert sie (in Teil 3) am Beispiel der Diskurse zum Begriff von Entwicklung, zur Bedeutung von Geschlechterrollen und zum Verständnis von Demokratie, und
  • weist schließlich (in Teil 4) darauf hin, welche Folgen diese Art von kritischer Reflektion über Wissen für die zukünftige Orientierung von Hochschulen haben könnte.

Um in relativ kurzer Zeit einem so weit gefaßten Thema gerecht zu werden und auch als Anstoß zu einer möglichst lebendigen Diskussion, fasse ich meine Aussagen weitgehend in die Form von Thesen.

Meine Beschäftigung mit diesen Fragen reicht zurück in die achtziger Jahre und begann an der Stanford University mit einigen kritischen Überlegungen zur Politik des internationalen akademischen Austauschs (Weiler 1984) und zur Tätigkeit der Weltbank in der Forschungsförderung für Länder der Dritten Welt (1991).

Hans N. Weiler
ist Rektor Emeritus der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) und Professor of Education and Political Science, Emeritus, Stanford University
Veröffentlichungen (Auswahl): Educational Planning and Social Change, Paris: The Unesco Press 1980 (Franz.: Planification de l'Education et Changement Social, Paris 1980); Comparative Policy Research: Learning from Experience (mit Meinolf Dierkes und Ariane Antal) Aldershot, Hants and New York: Gower and St. Martin's Press 1987; Educational Change and Social Transformation: Teachers, Schools, and Universities in Eastern Germany (mit Heinrich A. Mintrop und Elisabeth Fuhrmann) London: The Falmer Press 1996

Daran schloß sich dann eine zunehmend theoretisch ausgerichtete Erörterung des Verhältnisses von Wissen und Macht in transnationalen Zusammenhängen an (1988, 1992a, 1992b, 1993, 1995). Ich habe mich dann von dieser Arbeit für eine Weile beurlaubt, um nach der Wiedervereinigung Deutschlands in Frankfurt an der Oder eine neue Universität gründen zu helfen. Das geschah nicht ganz ohne Bezug zu diesen vorhergehenden Erörterungen, erwies sich dann aber doch als eine sehr andersartige Form der Tätigkeit, in der das Verhältnis von Wissen und Macht zwar allgegenwärtig war, die Reflexion darüber aber oft genug einem überwältigenden Terminkalender zum Opfer fiel. Das Schönste daran, vor etwa einem Jahr mit dem Erreichen der sogenannten Altersgrenze in den sogenannten Ruhestand zu treten, war, zu dieser Reflexion - nun um einige handfeste Erfahrungen zur Politik des Wissens reicher - zurückzukehren und sie aufs neue zu zelebrieren.

1 Wissen im Wandel

Der Begriff von "Wissen" ist vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Gegenstand tiefgreifender Veränderungen und Auseinandersetzungen geworden - so sehr, daß Rajni Kothari aus Indien meint, von einer Krise, von einem "deepening sense of crisis in the modern knowledge system" (1987, S. 283) sprechen zu müssen. Diese Veränderungen beziehen sich auf die epistemologischen Grundlagen unseres Verständnisses von Wissen, aber auch darauf, wie wir unterschiedliche Verfahren und institutionelle Formen der Entstehung von Wissen einzuschätzen haben.

Auf dem Prüfstand dieser Auseinandersetzung stehen damit sowohl die Kriterien zur Bewertung der Gültigkeit und Angemessenheit von Wissen als auch die strukturellen Bedingungen, unter denen Wissen entsteht. In den Auseinandersetzungen über diese unterschiedlichen Verständnisse von Wissen wird die politische Bedeutung des Begriffs und die enge Verbindung von Wissen und Macht besonders deutlich. Insgesamt erscheint dieser Prozess dem Beobachter - wie ich es vor zehn Jahren einmal in einem Aufsatz festgehalten habe - als " eine bemerkenswerte Mischung aus Ungewißheit und Befreiung, aus dem Verlust verläßlicher Maßstäbe und der Eröffnung neuer Möglichkeiten des Wissens, aus grundlegenden Zweifeln an den überkommenen Regeln der Wissensproduktion und dem Hochgefühl eines Neubeginns" (Weiler 1993, S. 5)

Diese Wandlungen des Begriffs von Wissen nähren sich aus den unterschiedlichsten Quellen und spiegeln kritische Stimmen aus den verschiedensten kulturellen Traditionen der Welt wider: Claude Ake (1979), Ali Masrui (1975) und Paulin Hountondji (1983) aus Afrika; Syed Alatas (1976), Homi Bhabha (1994) und Ashis Nandy (1989; 2000) aus Asien; Brian Fay (1987), Thomas Kuhn (1967), Clifford Geertz (1983), Nico Stehr (1992, 2001) und Paul Roth (1987) aus Nordamerika; Pablo Gonzalez Casanova (1981) und Arturo Escobar (1984-85) aus Lateinamerika; und Michel Foucault (1971; 1972), Zygmunt Bauman (1991; 1992), Jean-François Lyotard (1984), Paul Feyerabend (1978), Steve Fuller (2000), Helga Nowotny (1994) und das Kulturalismus-Projekt der Reimers-Stiftung (Lackner und Werner 1999) aus Europa - um nur einige wenige der vielfältigen Stimmen dieser Diskussion zu nennen, ohne dabei weder Repräsentativität noch erst recht Vollständigkeit zu beanspruchen.

Inhaltlich ist dieser Wandlungsprozeß ähnlich vielgestaltig; er beinhaltet u.a. das Infragestellen und die weitgehende Desintegration der epistemologischen Tradition der "Einheit von Wissenschaft" und die Entmonopolisierung eines naturwissenschaftlich orientierten Wissensbegriffs; unterschiedliche Versuche zu einer neuen Synthese aus kognitivem, normativem und ästhetischem Wissen; und die Entwicklung neuer Formen von Wissen.

1.1 Die Kritik an der Tradition der "Einheit von Wissenschaft"

Die Kritik an der Tradition der "unified science" nimmt unterschiedliche Formen an, denen allen gemeinsam ist, daß sie das Postulat eines homogenen und einheitlichen, auf alle möglichen Gegenstände gleichermaßen anwendbaren Begriffs von Wissen kritisch hinterfragen. Dieses Postulat hat seinen Ursprung in der Wissenstheorie der klassischen Naturwissenschaften und ihrer Ausdehnung auf die Sozial- und Verhaltenswissenschaften - getreu der klassischen Aussage von Talcott Parsons in seiner (vielleicht etwas einseitigen) Erörterung des Werks von Max Weber: "There is not ,natural' or ,cultural' science; there is only science or non-science and all empirical knowledge is scientific in so far as it is valid." (1977, S. 61)

Die zweifelsfreie Geltung dieses Postulats ist in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur durch den epistemologischen Wandel innerhalb der Naturwissenschaften, sondern für den Bereich der Sozial- und Verhaltenswissenschaften durch eine ganze Reihe von Entwicklungen in Frage gestellt worden, von denen die wichtigsten vielleicht die Auswirkungen des "Positivismußtreits" in der deutschen Soziologie (Adorno 1976); die wachsende Bedeutung phänomenologischer und hermeneutischer Untersuchungsformen (Gadamer 1981; Habermas 1968; Thompson 1981); die zunehmende Rolle nicht-westlicher (Kothari 1987; Nandy 1981) und feministischer epistemologischer Ansprüche (Belenky et al. 1986; Farganis 1986, Harding 1986); sowie die Erschütterungen, die die Debatten um Post-Strukturalismus und Post-Modernismus ausgelöst haben (Deleuze und Guattari 1987; Foucault 1971, 1972; Lyotard 1984).

Im Ergebnis dieser Verwerfungen ist ein Begriff von Wissen entstanden, der sich sowohl durch einen höheren Grad von Differenzierung (nach Gegenständen und Umständen des Wissens) als auch durch ein größeres Maß an Kontingenz (also durch stärker unter Bedingungsvorbehalten stehende Aussagen) auszeichnet.

Im Zuge dieser Entwicklungen haben einige Versatzstücke klassischer Wissenstheorien Schaden genommen. Dazu gehören insbesondere

  • der Begriff der "Objektivität" - also der Unabhängigkeit des beobachteten Gegenstandes vom Beobachter;
  • die Vorstellung der "Gewissheit" von Aussagen über zeitliche und andere Umstände hinweg;
  • die Möglichkeit der "Vorhersage", d.h. die Verläßlichkeit von "wenn, dann"-Aussagen und schließlich auch
  • der Glaube an die Möglichkeit, Wirklichkeit durch numerische und quantitative Festlegungen erschöpfend darstellen zu können.

Darüber hinaus ist auch eine Akzentverschiebung in der relativen Bedeutung allgemeiner und spezieller Aussagen - oder, im Jargon der Wissenstheoretiker, dem relativen Gewicht nomothetischen und ideographischen Wissens - eingetreten. Dieser Aspekt der Debatte tritt unter den verschiedensten Etiketten auf; beispielhafte Kontroversen entstehen hier etwa zu den folgenden Fragen:

  • Was ist für die Erforschung der Wirkfaktoren bei Lernprozessen besser: die Herstellung allgemeiner Aussagen auf der Basis einer möglichst großen Zahl von Einzelbeobachtungen, oder die möglichst intensive, naturgetreue und kontextgerechte Rekonstruktion des individuellen Lernprozesses?
  • Was ist für die Untersuchung von bildungsökonomischen Sachverhalten wichtiger: großflächige Untersuchungen auf nationaler oder gar internationaler Ebene zur finanziellen Rendite von Bildungsinvestitionen oder das Verständnis des ökonomischen Calculus, der den Entscheidungen von Einzelnen oder bestimmten Gruppen zum vertretbaren Aufwand für Bildungsausgaben zugrunde liegt?
  • Was ist für das Verständnis komplexer Organisationen hilfreicher: von der Vielfalt institutioneller Bedingungen im Interesse kontextübergreifender Aussagen zu abstrahieren oder sich darauf zu konzentrieren, wie die spezifischen Aufgaben einer Organisation mit ihrem jeweiligen Umfeld und den sozialen Merkmalen ihrer Mitglieder bei der Entstehung einer unverwechselbaren "institutionellen Kultur" zusammenwirken?
  • Wie kann man demographische Entwicklungen am besten verstehen: durch die Entwicklung und ständige Verfeinerung von national oder international denominierten Makromodellen der Bevölkerungsentwicklung, oder durch das Zusammenfügen und Abwägen der sozialen, kulturell-normativen und ökonomischen Faktoren, die im Einzelfall die Entscheidungen der Menschen zur Fortpflanzung, Gesundheitspflege oder Migration bestimmen?

Die naheliegende Antwort auf jedes dieser Gegensatzpaare ist selbstverständlich: sowohl als auch. Dennoch liegt in der Akzentverschiebung entlang der durch diese Pole angedeuteten Dimensionen von Wissen ein wichtiger Bestandteil des Wandlungsprozesses, um den es hier geht.

Das gleiche gilt für das Spannungsverhältnis zwischen "Erklären" und "Verstehen", zu dem das Werk von Karl-Otto Apel (1984) eine so intensive und folgenreiche Diskussion ausgelöst hat. Paul Roth unterstreicht, als wie problematisch sich eine Art der Forschung erwiesen hat, in deren Mittelpunkt "explanations of behavior which allow predictions concerning future behavior" (1987, S. 3) stehen (vgl. auch Dallmayr und McCarthy 1977). In der Tat haben uns die ausgefeiltesten Vorhersagemodelle über Wahlentscheidungen, Konsumverhalten oder Kriegführung nur sehr unvollkommen vor Überraschungen, unerwarteten Ergebnissen oder auch Banalitäten bewahrt. In diesem Sinne hatte Peter Winch schon früh gewarnt: "the central concepts which belong to our understanding of social life are incompatible with concepts central to the activity of scientific prediction. When we speak of the possibility of scientific prediction of social developments . , we literally do not understand what we are saying" (1958, S. 94).

1.2 Die Kritik an der Tradition wissenschaftlicher Rationalität: Kognitives, normatives und ästhetisches Wissen

Die Kritik an der naturwissenschaftlich orientierten Tradition wissenschaftlicher Rationalität hat nicht zuletzt dazu geführt, daß Wissen nicht mehr ausschließlich in kognitiven Kategorien, sondern zunehmend und mit zunehmender Legitimation auch in normativen und ästhetischen Kategorien begriffen wird. Dadurch werden Kategorien sowohl ethischer Begründung als auch künstlerischen Ausdrucks ihres Stigmas der "Unwissenschaftlichkeit" entkleidet und legitimer Bestandteil einer neuen Wissensordnung. Habermas bedauert eine Art von Rationalität, die durch ihre Selbstbeschränkung auf eine rein "kognitiv-instrumentelle" Begrifflichkeit ihre Fähigkeit zum Dialog mit "moralisch-praktischen" und "ästhetisch-expressiven" Kategorien (1985, S. 134-137; vgl. 1973) verloren hat (siehe auch Putnam 1987, S. 53-56; Lenk 1986, S. 349-463; Roth 1987). Ashis Nandy spricht in einem ähnlichen Zusammenhang von einem "mechano-morphischen" Vorurteil in der Tradition westlicher Rationalität, bei dem er einen Zusammenhang mit dem "Maskulinitätsprinzip" einer Judäo-Christlichen Kosmologie sieht (1978-79, S. 373). Auf diese Art der Kritik ist eine Reaktion erfolgt, die die Unterscheidung in kognitive, normative und ästhetische Wissensdomänen in der Tradition von John Stuart Mills Universitätskonzept, wie sie vor allem Lepenies beschwört (1985, S. 196) zu überwinden sucht. Sie stellt dabei auch in Rechnung, daß der "kulturelle Ort" und damit die normative Verfassung des Beobachters für den Prozeß der Entstehung von Wissen konstitutiv ist und auf die Ergebnisse dieses Prozesses entscheidende Auswirkungen hat (vgl. Greenblatt 1994). Auch in dieser Hinsicht ist der Einfluß nicht-westlicher und feministischer Überlegungen nicht zu übersehen (vgl. Alatas 1976; Gonzalez Casanova 1981; Harding 1986) - ich komme darauf zurück.

Mit dieser Entwicklung einher geht die Relativierung des klassischen Postulats einer "wertfreien" Wissenschaft - noch einmal im Originalton Talcott Parsons: "that a science need not be bound to the values of any particular historical culture" (1977, S. 60) - und die Anerkennung normativer Prämissen in der Verfolgung wissenschaftlicher Ziele.

1.3 Neue Formen des Wissens

Die Erosion des Kanons und der Legitimation der "unified science" hat, wie sich schon gezeigt hat, dem Prozeß der Wissensentstehung eine grundlegende Öffnung verschafft, durch die ehemals als unwissenschaftlich oder außerwissenschaftlich angesehene Wissensformen eine neue und legitimere Rolle gefunden haben. Dabei ist - im Vorgriff auf unsere späteren Ausführungen zur Politik des Wissens - die Feststellung wichtig, daß es sich bei der Hegemonie der einheitswissenschaftlichen Tradition ja nicht nur um ein epistemologisches Problem im luftleeren Raum, sondern auch um ein komplexes System institutioneller Mechanismen zur Durchsetzung der entsprechenden Maßstäbe an Hochschulen, bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen und in der Forschungsförderung handelte. Eine Folge der Erosion der epistemologischen Hegemonie der "unified science" ist deshalb auch die strukturelle Öffnung der Wissensordnung.

Besonders pointiert spricht Foucault von der Rehabilitierung der "unterdrückten Formen von Wissen" - Formen, die als für ihre Aufgabe unangemessen disqualifiziert wurden und die als "Volkswissen" eine neue Geltung verdient haben (1980, S. 82). In einem bemerkenswerten Aufsatz zur Frage der Hungersnot in Afrika - "African Famine: Whose Knowledge Matters?" - weist Guy Gran nach, daß das traditionelle Wissen der afrikanischen Bauern über die Möglichkeiten der Landwirtschaft in Afrika sowohl als legitimer wie auch als effektiver gelten kann als die von oben verordneten agrarwissenschaftlichen Einsichten internationaler Organisationen (1986). Und in immer neuen Varianten plädiert Ashis Nandy für die "recovery of indigenous knowledge" (so der Titel eines seiner jüngsten Beiträge, 2000), für die Rettung von Wissen, das der Prozess der intellektuellen Kolonialisierung "in die Ecke gedrängt, marginalisiert oder gar besiegt" hatte (ebd., S. 118).

Besonders fruchtbar ist in diesem Zusammenhang die vor allem Wolf Lepenies geschuldete Wiederentdeckung der Wechselbeziehungen zwischen der wissenschaftlichen und der literarischen Analyse sozialer Realität, in denen sich ein neues Selbstverständnis der Soziologie als einer "dritten Kultur" gebildet hat (1985). Auf ganz andere Weise, aber mit ähnlichem Ergebnis plädiert der in New York lehrende palästinensische Humanist Edward Said für eine neue Allianz zwischen Literaturkritik und der Analyse von Macht - also zwischen, wie er eines seiner Bücher betitelt, "The World, the Text, and the Critic" (1983). Hier ist schon das Thema der "politics of interpretation" angelegt, das auch in Saids neuestem Buch "Reflections on Exile" (2000, u.a. S. 118ff.) wieder auf vielfältige Weise reflektiert wird und für jede Diskussion einer "Politik des Wissens" unverzichtbar ist.

2. Zur Politik des Wissens

Der bisher beschriebene Wandlungsprozeß hat auf unser Verständnis von Wissen einen nachhaltigen Einfluß genommen. Vor allem aber hat sich in diesem Prozess aufs neue die Vermutung bestätigt, daß Wissen und Macht in einer besonders engen und folgenreichen Beziehung zueinander stehen, und daß ein besseres Verständnis dieser Beziehung eine unabdingbare Voraussetzung eines jeden Versuches zur Formulierung einer politischen Theorie des Wissens und seiner Entstehung bildet.

Die Einsicht, daß Wissen und Macht in einem engen symbiotischen Verhältnis zueinander stehen, ist nun nicht gerade neu; sie läßt sich auf jeweils unterschiedliche Weise in den Werken von Karl Marx und Karl Mannheim ebenso aufspüren wie bei Emile Durkheim und Max Weber. Mit einer Schärfe, die selbst in dieser illustren Ahnenreihe ihresgleichen sucht, hat sich jedoch Michel Foucault (1980) dieser Beziehung angenommen - in seiner, wie Edward Said es nennt, "highly wrought presentation of the order, stability, authority, and regulatory power of knowledge" (2000, S. 239; vgl. Escobar 1984-85; DuBois 1991).

Unter den vielen Facetten dieser engen Verbindung von Wissen und Macht lege ich in dieser Darstellung besonderen Wert auf drei:

  • die herausragende Bedeutung von Hierarchien in der bestehenden Wissensordnung;
  • das Verhältnis wechselseitiger Legitimation zwischen Wissen und Macht; und
  • die transnationale und arbeitsteilige Verfaßtheit der gegenwärtigen Wissensordnung.

2.1 Die Bedeutung von Hierarchien in der Entstehung von Wissen

Hierarchien können als die typische strukturelle Verkörperung von Macht gelten. Sie bezeichnen in einer jeweiligen Ordnung höheren und niederen Rang, Über- und Unterordnung, mehr oder weniger Wert, Prestige, Einfluß. Wo immer sie erscheinen, spiegeln sie Strukturen von Autorität und Macht und damit die Essenz des Politischen wider.

In der Welt des Wissens sind Hierarchien ein überall anzutreffendes Phänomen, das sich auf verschiedene Weise manifestiert:

  • Unterschiedliche Formen und Domänen von Wissen erfreuen sich unterschiedlicher Wertschätzung, in der traditionell - und in subtilerer Form bis auf unsere Tage - die Naturwissenschaften eine Spitzenposition einnehmen und weniger "exakte" Wissensformen auf den hinteren Plätzen landen.
  • In der Welt der für die Entstehung des Wissens geschaffenen Einrichtungen gibt es deutliche und mehr oder weniger anerkannte Rangordnungen, in denen Max-Planck-Institute, private amerikanische Forschungsuniversitäten, Grands Ecoles, exklusive think tanks und reputable Beratungsfirmen wie Rand oder SRI International die Spitze der hierarchischen Pyramide bilden; diese institutionelle Hierarchie funktioniert als wissenspolitisches Ordnungsinstrument zumindest auf der nationalen Ebene; sie hat, wie noch zu zeigen sein wird, auch ihre internationale Entsprechung.
  • Schließlich funktioniert das hierarchische Prinzip auch innerhalb von wissensbezogenen Institutionen - zwischen Professoren und Studierenden, zwischen Institutsleitung und Mitarbeitern, zwischen senior faculty und junior faculty und - wenn auch zumindest in Deutschland umstrittener - zwischen Hochschulleitung und Professorenschaft.

Alle diese hierarchischen Beziehungen gründen sich auf mehr oder weniger ausdrückliche Übereinkünfte zu dem, was in der Welt des Wissens als wertvoll und statusträchtig anzusehen ist. In der traditionellen Version dieser Wissenswelt waren diese Übereinkünfte Gegenstand relativ einträchtiger und harmonischer Verständigung, von der sich so manches bis in unsere Tage erhalten hat. In dem Maße jedoch, in dem die diesen Verständigungen zugrundeliegenden Vorstellungen über das, was Wissen ist, in Frage gestellt werden, werden auch diese Hierarchien in zunehmendem Maße fragwürdig. Die zunehmend offene Konkurrenz zwischen "Oxbridge" und den red bricks in Großbritannien, die Öffnung der hierarchischen Gliederung zwischen Fachhochschulen und Universitäten in Deutschland, die Diskussion um den Juniorprofessor und die Abschaffung der Habilitation sind Zeichen einer Erosion überlieferter Hierarchien, die erwartungsgemäß mit massiven politischen Auseinandersetzungen verbunden ist.

2.2 Wissen und Macht: Ein Verhältnis gegenseitiger Legitimation

Ich stelle hier eine Betrachtung an, die zweierlei Absichten verfolgt. Zum einen die, zu zeigen, daß der Begriff der Legitimation auch sinnvollerweise auf Gegenstände angewendet werden kann, die außerhalb des Bereichs staatlicher Autorität im engeren Sinne liegen - also auch auf Wissen und Wissenschaft. Zum anderen möchte ich zeigen, daß ein für das Verständnis moderner Staatlichkeit zentrales Problem, nämlich das Verhältnis zwischen Wissen und Macht, eine besondere Schärfe dadurch gewinnt, daß man es als ein Verhältnis gegenseitiger Legitimation interpretiert.

Zu meinem ersten Punkt gehe ich davon aus, daß nicht nur Macht der Legitimation bedarf, sondern auch Wissen. Auch Wissen muß Glaubwürdigkeit beanspruchen können, auch Wissen bedarf der Anerkennung, derer es "würdig" zu sein hat. An dieser Anerkennungswürdigkeit von Wissen ließe sich eine vortreffliche Wissenssoziologie festmachen, in der die unterschiedlichen Grundlagen, die zur Anerkennung von Wissen im Lauf der Geschichte gedient haben, thematisiert würden - von der Offenbarung mystischer Erfahrung über die deduktive Schlüssigkeit der Scholastik bis hin zu den Epistemologien naturwissenschaftlicher Beweisführung. Alle diese Grundlagen sind wohlgemerkt nicht wissensimmanent; sie beziehen ihre jeweilige Gültigkeit aus gesellschaftlichen und kulturellen Umständen. Dem Wissen der Hildegard von Bingen wurde aus den kulturellen Umständen ihrer Zeit das gleiche Maß von Legitimation zuteil wie, jeweils zu ihrer Zeit, dem Wissen des Paracelsus und Albert Einsteins. Wie die Legitimation politischer Macht unterliegt auch die Legitimation von Wissen dem Wandel ihrer jeweiligen Kriterien, und dieser Wandel erklärt sich nicht, oder jedenfalls nicht allein, aus der Beschaffenheit von Wissen selbst.

Hier schließt sich mein zweiter Punkt an, der besagt, daß Wissen und Macht durch ein auf gegenseitige Legitimation angelegtes Verhältnis miteinander verbunden sind - daß also Wissen Macht legitimiert und daß, umgekehrt, Wissen durch Macht legitimiert wird. Das ist nicht als Ausverkauf der hehren Prinzipien der Freiheit von Forschung und Lehre gemeint, sondern lediglich als die Anerkennung einer eigentlich eher selbstverständlichen gesellschaftlichen Realität, in der sich dieses symbiotische Verhältnis von Wissen und Macht Tag für Tag manifestiert.

Man bedenke nur, wie in ständig zunehmendem Maße politische Sachentscheidungen durch den Verweis auf den ihnen zugrundeliegenden Wissensfundus begründet und legitimiert werden - von Entsorgungs- bis zu Standorterwägungen, und von Umverteilungs- bis zu Investitionsentscheidungen. Wissen und Wissenschaft sind in unseren komplexen Gesellschaften zu einer bevorzugten Währung in der Legitimation staatlicher Macht geworden. Bei Berger und Luckmann erfüllt das Wissenssystem die Funktion eines "symbolischen Universums", das seine schützende Hand über die institutionelle Ordnung hält - "sheltering canopies over the institutional order" (1967, 102; vgl. Gouldner 1970, S. 50; Marcuse 1964, S. 158-159). In einer theoretisch schon einen Schritt weitergehenden Interpretation klingt das bei Ashis Nandy dann so: "As more and more areas of life are 'scientized' and taken out of the reach of participatory politics to be handed over to experts, the universities as the final depository of expertise have become a major global political actor of our times. In addition to their other tasks, they legitimize the 'expertization' of public affairs and the reign of the professionals" (2000, S. 116).

Aber das Verhältnis ist alles andere als eine Einbahnstraße. So, wie Wissen Macht legitimiert, so bezieht Wissen einen nicht unbeträchtlichen Teil seiner Legitimation aus den Entscheidungen staatlicher Macht - Entscheidungen darüber etwa, was an Schulen gelernt und gelehrt werden soll, welche Art von Wissen als Qualifizierung für bestimmte öffentliche Ämter und Laufbahnen erforderlich ist, welche Art von Forschung sich öffentlicher Förderung erfreuen darf usw. In all diesen und vielen anderen Entscheidungen, die der staatlichen Autorität unterliegen, wird eine Art von Wissen gegenüber einer anderen herausgehoben und mit besonderer Legitimation versehen. Sehr weit braucht man bei der Suche nach Beispielen gar nicht zu gehen; man denke nur an die Auseinandersetzungen um das Fach "LER" an Brandenburgs Schulen, an die einstufige Juristenausbildung oder an die Auseinandersetzungen um die Kulturwissenschaft im Wissenschaftsrat. Hier erweist sich nicht nur die enge, wenn auch oft verschlungene Bindung von Wissen und Herrschaft, sondern auch ganz besonders die Eigenschaft dieser Bindung als einer Veranstaltung zur Legitimation auf Gegenseitigkeit (vgl. Weiler 1996).

Man kann sich für die Beschäftigung mit diesem Verhältnis von Wissen und Macht natürlich auch der besonderen Perspektive literarischer Zeugnisse bedienen. Eines meiner bevorzugten Beispiele in diesem Zusammenhang ist die von Stefan Heym so feinsinnig erfundene Figur des wackeren Geschichtsschreibers Ethan, der sich um der Integrität seiner Wissenschaft willen dem Ansinnen des Königs Salomon, den offiziellen und expurgierten "König David-Bericht" (1972) zu schreiben, zu entziehen versucht und dabei der symbiotischen Verknüpfung von Wissen und Herrschaft ein denkwürdiges Zeugnis ausstellt.

Eine andere literarische Kostbarkeit zu diesem Thema, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte, stammt aus T.S. Eliots ironischem Meisterstück über die Rolle des Intellektuellen in der Politik, "The Love Song of J. Alfred Prufrock" (1982):

No! I am not Prince Hamlet, nor was meant to be;
Am an attendant lord, one that will do
To swell a progress, start a scene or two,
Advise the prince; no doubt, an easy tool,
Deferential, glad to be of use,
Politic, cautious, and meticulous;
Full of high sentence, but a bit obtuse;
At times, indeed, almost ridiculous -
Almost, at times, the Fool.

2.3 Das transnationale Wissenssystem und die internationale Arbeitsteilung

Der Bezugsrahmen für eine politische Theorie des Wissens ist keineswegs auf die institutionelle und nationale Ebene beschränkt, sondern wird erst vollständig durch die Einbeziehung der internationalen Dimension. Diese Dimension ist nicht nur durch einen technologisch ständig erleichterten Informationsfluß, sondern auch durch eine Politik eigener Art gekennzeichnet. Denn die scheinbare Offenheit des internationalen Wissenssystems kaschiert die Tatsache, daß sowohl die Herstellung als auch die Verwendung von Wissen international extrem ungleich verteilt sind. So ist denn auch eines der herausragendsten Merkmale des internationalen Wissenssystems eine Arbeitsteilung eigener Art, in der intellektuelle Schlüsselfunktionen wie die Bestimmung theoretischer Prioritäten und methodologischer Maßstäbe einer relativ kleinen Zahl von Gesellschaften und Einrichtungen vorbehalten sind, die in diesem System eine überdimensional wichtige Rolle spielen.

Das, was Nandy in einer schon zitierten Feststellung die Kapitulation partizipatorischer Politik vor der Herrschaft der Experten genannt hat, gilt in diesem Sinne auch für diese besondere Art von Hierarchie im internationalen Wissenssystem unserer Tage. Denn diese Hierarchie ist ja keineswegs wissensimmanent, sondern entspricht recht genau den internationalen Hierarchien wirtschaftlichen Einflusses und politischer Macht, mit denen sie eine durchaus symbiotische Verbindung unterhält. Diese Verbindung hat wiederum Parallelen in meiner Argumentation zum Verhältnis gegenseitiger Legitimation zwischen Wissen und Macht. Sie zeigt sich besonders deutlich im Falle von Einrichtungen wie der Weltbank, deren Rolle im internationalen System sich ja nicht auf die Ausübung wirtschaftlichen und wirtschaftspolitischen Einflusses beschränkt. Sehr viel weniger bekannt, aber ungemein effektiv ist der Einfluß, den die Weltbank durch die Auferlegung einer Wissensorthodoxie ausübt, der sich alle die Länder und Einrichtungen anzuschließen haben, die in Finanzierungs- und Förderungsverhandlungen mit der Weltbank eintreten möchten (Weiler 1991).

Diese paradigmatische Hegemonie von Wissensnormen, die im wesentlichen ihren Ursprung in den westlichen Gesellschaften und ihren wissenschaftlichen Einrichtungen haben, ist indessen nicht ohne Widerspruch und Kritik geblieben; die Auseinandersetzung um eine neue internationale Wissensordnung gehört zu den interessantesten politischen Zeugnissen der letzten zwanzig Jahre. Hierzu haben viele der schon genannten Stimmen aus den Ländern Asiens, Afrikas, Lateinamerikas und der arabischen Welt beigetragen - wie Hountondji (1983), Kothari (1987), Garcia Guadilla (1987) und viele andere, zu denen wiederum Ashis Nandy mit seiner Forderung nach "einer neuen, pluralen politischen Ökologie des Wissens" ("a new, plural, political ecology of knowledge", 1989, S. 267) gehört.

Dieser Prozeß der Umformung der internationalen Wissensordnung hat zu dem geführt, was Böhme und Scherpe "die Gewichtsverschiebungen in der Kartographie der Weltkultur" genannt haben. Sie ziehen daraus einen Schluß, der unmittelbar auch zu einer der intensivsten und potentiell fruchtbarsten wissenschaftlichen Auseinandersetzungen in der gegenwärtigen deutschen Wissenschaftsszene führt: "Daß entscheidende kulturelle Erneuerungen heute von den ehemals als Peripherien geltenden Kulturen, von synkretistischen Kulturen, postkolonialen Ländern und ethnischen Minderheiten in den Industriegesellschaften ausgehen, ist ein Prozeß, dessen segregierende und polymorphe Struktur sich überhaupt nicht mehr geisteswissenschaftlich verstehen läßt, sondern nur mit einer zwischen Weltkultur und Regionalismus ebenso empirisch wie theoretisch beweglichen Kulturwissenschaft zu bewältigen ist" (1996, S. 18-19).

Oder wie Wolf Lepenies auf die ihm eigene griffige Art zu sagen weiß: "Es wird höchste Zeit, daß die westlichen Gesellschaften von Belehrungskulturen zu Lernkulturen werden." (Lepenies 1997, S. 40)

Zu einer Erörterung der internationalen Wissensordnung gehört aber auch ein Wort zu dem Prozess, der als "Globalisierung" in unseren modischen Sprachschatz eingegangen ist. Genauer genommen und im Sinne unseres Themas geht es hier natürlich um die konkurrierenden Ansprüche von Globalisierung und kultureller Vielfalt, von universaler Standardisierung und partikularer Eigenwertigkeit, die Dialektik, wie Habermas es nennt, "von Einebnung und schöpferischer Differenzierung" (1998, 115). Tom Friedman von der New York Times, einer der intelligentesten Journalisten unserer Tage, hat vor einiger Zeit ein faszinierendes Buch über eben diese Dialektik geschrieben, unter dem bezeichnenden Titel "The Lexus and the Olive Tree" (1999) - wo der weltumspannende Erfolg des Lexus - der Luxuskarosse von Toyota - gleichsam als Symbol der Globalisierung dem Olivenbaum als dem zeitlosen Symbol der Gebundenheit an einen bestimmten Ort, an eine unverwechselbare kulturelle Eigenart, gegenübersteht.

Eine wichtige Aufgabe einer modernen Wissenschaft vom Wissen wäre das Ergründen und Verstehen dieser Spannung. Habermas modelliert diese Art von Analyse in seinem Essay über " Die postnationale Konstellation und die Zukunft der Demokratie" (1998, S. 91-169), in dem ich eine Feststellung besonders überzeugend finde: "Die Globalisierung drängt gleichsam den Nationalstaat dazu, sich im Inneren für die Vielfalt fremder oder neuer kultureller Lebensweisen zu öffnen." (S. 128) Diese enge Verknüpfung von weltweiter Globalisierung und innergesellschaftlicher Multikulturalität ist ein schlechthin idealer Topos für eine an Wissen interessierte Kulturwissenschaft, zumal hier sehr viel differenziertere Antworten gefragt sind als allgemein kulturkritische Schablonen. Zwar gibt es, wie Habermas den Kulturkritikern zugibt, den "Firnis einer kommodifizierten Einheitskultur", die "auch im Westen selbst die nationalen Unterschiede zu nivellieren (scheint), so daß die Profile der starken einheimischen Traditionen immer mehr verschwimmen" (S. 115). Aber dem wachen kulturwissenschaftlichen Auge erschließt sich dann eben auch die schon zitierte "Dialektik von Einebnung und schöpferischer Differenzierung" und "die Vielfalt der innovativen Antworten, die globale Reize in lokalen Kontexten auslösen." (S. 115)

3 Wissen und Politik: drei Diskurse

Unter den zahlreichen Anzeichen von Veränderung in der Welt des Wissens belegen drei Diskurse besonders deutlich sowohl die Richtung und das Ausmaß der Veränderung als auch ihre politische Dimension: die Diskurse zum Begriff von Entwicklung, zur Bedeutung von Geschlechterrollen und zum Verständnis von Demokratie.

3.1 Entwicklung

Es ist wohl kein Zufall, daß in der überaus reichhaltigen Debatte der letzten beiden Jahrzehnte über den Begriff und die politische Bedeutung von "Entwicklung" die Diskussion über das Verhältnis von Wissen und Entwicklung einen besonders zentralen Raum einnimmt. Gran, wie schon erwähnt, sieht das entwicklungspolitische Fiasko in Afrika in erster Linie als Resultat eines von außen oktroyierten Wissenssystems, das die Legitimität des örtlichen Wissens grob mißachtete (1986). In den "counterdiscourses" - den Gegendiskursen -, die Escobar in vielen Ländern der dritten Welt identifiziert hat, spielt ein neuer Diskurs über Entwicklung eine besonders wichtige Rolle (1984-85), interessanterweise eng verknüpft mit einem neuen Diskurs über den internationalen Frieden (Hettne 1985; Blomstrom und Hettne 1984; Bosse 1978, S. 37ff.). Jinadu betont die Entsprechungen zwischen den vorherrschenden inkrementalistischen Vorstellungen von Entwicklung und einer instrumentalisierten Sozialwissenschaft in Afrika; er spricht von einem "view of development as incremental change in technological skills and efficiency and the consequent instrumentalist view of the social sciences that it encourages, [which] has tended to encourage the neglect of critical normative issues in development and in development theories" (1985, S. 19; vgl. Bosse 1978, S. 191 und 198; Chambers 1983).

Ashis Nandy führt diese Überlegungen am weitesten in seiner Kritik an einer Entwicklungspolitik, die er für die der modernen Welt liebste und gleichzeitig cleverste Form der Nächstenliebe hält (1989, S. 269). Er ist skeptisch selbst gegenüber den vielen alternativen Konzepten von Entwicklung - nachhaltige Entwicklung, Öko-Entwicklung, indigenous development - und verdächtigt sie, Produkte desselben Weltbildes zu sein, das der Welt schon das Wunderpaket von "science, liberation, and development" beschert hat. Für ihn liegt die wirkliche Herausforderung in der radikalen Abkehr von der unheiligen Allianz aus herkömmlicher Wissenschaft und herkömmlicher Entwicklung und in der Konstruktion einer "post-modern science" und einer "post-development world" (1989, S. 270).

Majid Rahnema kommt das Verdienst zu, nicht nur diesen kritischen Diskurs immer wieder befördert und bereichert zu haben, sondern auch in seinem "Post-Development Reader" (1997) einige der wichtigsten dieser Texte versammelt und einem breiteren Publikum zugänglich gemacht zu haben - darunter Arbeiten von Arturo Escobar, The Making and Unmaking of the Third World Through Development (ebd., S. 85-93), Majid Rahnema, Development and the People's Immune System: The Story of Another Variety of AIDS (S. 111-131), Rajni Kothari: The Agony of the Modern State (S. 143-151), Ashis Nandy: Colonization of the Mind (S. 168-178), D.L. Sheth, Alternatives from an Indian Grassroots Perspective (S. 329-335) und, eine interessante europäische Stimme in diesem Chor, Vaclav Havel: The Power of the Powerless: Citizens Against the State in Central Eastern Europe (S. 336-353).

Der gemeinsame Nenner all dieser - im einzelnen durchaus unterschiedlichen - Arbeiten ist die enge Beziehung, die sie zwischen dem Diskurs über Entwicklung und der Debatte über die Politik des Wissens herstellen. Um hierzu ein letztes Mal Guy Gran zu zitieren: "part of, indeed the heart of both generat-ing and applying authentically develop-mental knowledge is the reduction of power differentials ... Power differentials both within a locale and between levels ... fundamentally deter-mine how knowledge is perceived, whose knowledge matters, and the ensuing effectiveness of policies on which it is based" (1986, S. 287).

3.2 Geschlecht

Wie im Falle von Entwicklung ist auch der kritische Diskurs über Geschlechterrollen sehr viel mehr als eine Übung zur Neudefinierung eines Begriffs. Der Diskurs selbst hat einen engen inhaltlichen Bezug sowohl zu den politischen Prioritäten der feministischen Bewegung als auch zu ihrem epistemologischen Anspruch, daß Frauen die Fähigkeit "eigener Formen des Wissens" - "Women's ways of knowing", wie eines der Schlüsselbücher dieser Debatte betitelt ist (Belenky et al., 1988; vgl. Farganis 1986) - zukommt.

Diesem gleichzeitig politischen und erkenntniskritischen Aufbruch verdanken wir eine Fülle von Beiträgen zum Verständnis von Geschlechterrollen in der Konstruktion sozialer Wirklichkeit und zu den vielfältigen Weisen, in denen Elemente von Patriarchie unsere Begrifflichkeiten über Leistung, Erfolg, Wettbewerb und nicht zuletzt Wissen beeinflußt haben (Pateman 1988). Jenseits dieser begriffsgeschichtlichen und begriffssoziologischen Erhellung aber liegt eine fortdauernde Auseinandersetzung, in der sich eine grundlegende Neubestimmung von Geschlechterrollen in der Entstehung von Wissen - wie z.B. in den fünf "research programs" von Sandra Harding (1986, S. 20-24) - mit dem politischen Kampf um die Beteiligung und den Einfluß von Frauen auf die Einrichtungen der Wissensproduktion - Hochschulen, Akademien, Forschungseinrichtungen - verbindet (Conway et al., 1987).

3.3 Demokratie

Es wäre mehr als einen eigenen Vortrag wert, die überaus vielgestaltige wissenschaftliche Diskussion der letzten zwanzig Jahre über die Wandlungen des Demokratieverständnisses in unterschiedlichen Kultur- und Politikkreisen kritisch zu beleuchten. Sie reichen von einem neuen theoretischen Interesse am Begriff von Demokratie (Pateman 1970) über die kritische Würdigung des Legitimationsdefizits westlicher Demokratien (Crozier et al. 1975; Habermas 1973) bis zur Beschäftigung mit den Transformationsprozessen in Lateinamerika, Afrika und Ost- und Mitteleuropa (O'Donnell et al. 1986).

Für unsere Zwecke relevanter aber ist die Feststellung, daß auch dieser Diskurs, wie der über Entwicklung und Geschlecht, eine doppelte Dimension hat. Auf der einen Seite handelt er von fundamentalen Fragen zu den Möglichkeiten von Demokratie in modernen Gesellschaften, vor allem im Hinblick auf die relative Bedeutung repräsentativer und partizipatorischer Elemente (Pateman 1970; Barber 1984). Gleichzeitig aber ist dieser demokratische Diskurs auch ein Diskurs zur Politik des Wissens und insbesondere zur Demokratisierung der Entstehung und des Gebrauchs von Wissen. Dieses Element des demokratischen Diskurses spiegelt sich etwa in der erhöhten Wahrnehmung der Rechte von "human subjects", also der menschlichen Subjekte von wissenschaftlichen Untersuchungen, in der zunehmenden Bedeutung und Akzeptanz von "partizipatorischer Forschung" (Gran 1986), in der Förderung - vor allem durch kanadische und skandinavische Einrichtungen - von autonomen Forschungsprojekten in Ländern der Dritten Welt und schließlich auch in Ashis Nandys Symbolgestalt des Schamanen als der konsequentesten Verkörperung nicht kooptierbaren Protests - "the ultimate symbol of non-cooptable dissent" (1989, S. 266). Von ganz besonderer Tragweite ist in diesem Zusammenhang schließlich die Debatte über die Aufsichtsstrukturen von Wissenschaft, die "governance of science", die sich - wie etwa in dem neuesten Buch von Steve Fuller - mit dem bemerkenswerten Widerspruch beschäftigt, daß die Wissenschaft im Laufe der Geschichte zwar erheblich zur Demokratisierung von Gesellschaften beigetragen hat, sich aber gleichzeitig standhaft geweigert hat, demokratische Spielregeln auf sich selbst anzuwenden (Fuller 2000, S. 135).

4. Die Politik des Wissens und die Zukunft der Hochschulen

Die hier skizzierte Transformation der bestehenden oder hergebrachten Ordnung von Wissen hat für die zukünftige inhaltliche und strukturelle Orientierung von Hochschulen weitreichende Folgen, die von einer Neubestimmung der Rolle wissenschaftlicher Disziplinen bis zur Neufassung der Kriterien für die Bewertung wissenschaftlicher Arbeit und von der Frage der Autonomie in der Bestimmung von Forschungszielen bis zu einem neuen Verständnis von Professionalisierung reichen. In diesem Prozeß kommen auf die Hochschulen vor allem die folgenden Herausforderungen zu:

  • die Anerkennung der Tatsache, daß es sich bei der Produktion und der Vermittlung von Wissen um einen genuin politischen Vorgang handelt, der der systematischen und kritischen wissenschaftlichen Untersuchung bedarf und in dem sowohl die Kulturalität von Wissen als auch die Rolle von Wissen in der Legitimation politischer Macht eine besondere Rolle spielen;
  • die Überprüfung der Rolle der herkömmlichen wissenschaftlichen Disziplinen als der maßgeblichen Matrix für die Organisation wissenschaftlicher Tätigkeit und die darauf beruhenden Über- und Unterordnungsstrukturen;
  • eine kritische Überprüfung der Kriterien und Verfahren zur Bewertung wissenschaftlicher Arbeit unter Berücksichtigung der darin zum Ausdruck kommenden Machtstrukturen; und
  • eine Neubewertung der Rolle von Hochschulen in der internationalen Politik des Wissens.

Hierzu abschließend einige kurze Thesen.

4.1 Die Politik des Wissens in Forschung und Lehre

Wissen und die politischen Bedingungen seines Entstehens und seiner Verwendung sind - trotz aller dankenswerten Bemühungen einzelner Wissenschaftler - nach wie vor ein allenfalls peripherer Gegenstand ernsthafter und kritischer wissenschaftlicher Tätigkeit, in der Regel deponiert in disziplinären Nischen wie Wissenssoziologie, Wissenschaftsgeschichte u.ä. Nischen übergreifende Versuche - wie die von Lepenies oder Helga Nowotny oder Steve Fuller - bleiben die angesichts der Wichtigkeit des Themas erstaunlich seltene Ausnahme. Vielleicht spielen hier noch die Überreste eines alten Irrtums eine Rolle, daß Wissenschaft und Politik nichts miteinander zu tun haben. Die Ashby Commission, die in den frühen sechziger Jahren Empfehlungen für die Entwicklung des Hochschulwesens in Nigeria erarbeiten sollte, begann ihren Bericht mit der Feststellung, daß Hochschulen und Wissenschaft ihren Platz außerhalb "the hot and cold wind of politics" hätten - eine folgenschwere Fehleinschätzung, die aber dennoch nicht ganz aus den Köpfen verschwunden zu sein scheint.

Der ideale Ort für eine angemessene Behandlung der Politik des Wissens wäre eine moderne Kulturwissenschaft. Ich will, bei all meiner Voreingenommenheit für Frankfurt (Oder), das dortige kulturwissenschaftliche Experiment nicht idealisieren; dazu hat es noch zu viele Kinderkrankheiten, die selbst schon wieder eine interessante Fallstudie zur Politik des Wissens ergeben würden. Dennoch: In einer der besseren Darstellungen des kulturwissenschaftlichen Experiments in Frankfurt (Oder) - die wohlgemerkt nicht aus meiner Feder stammt, sondern aus der von Cornelia Vismann - findet sich durchaus überzeugend das Argument, daß eine zeitgemäße Kulturwissenschaft überhaupt nicht darum herum kommt, unter ihren wichtigsten Gegenständen sich auch ganz besonders mit der Entstehung und Übermittlung von Wissen zu beschäftigen: "Mit der Gründung einer Fakultät für Kulturwissenschaften an der Universität wird auf institutioneller Ebene vollzogen, was sich auf diskursiver ungefähr in den letzten zwanzig Jahren ereignet: der Übergang von einem geschlossenen System der Geistes- und Sozialwissenschaften zu einer neuen, offenen Wissensformation, die nun ihrerseits die Fassung einer lehr- und lernbaren Wissenschaft erhalten soll. Der Übergang, oder anders ausgedrückt, das Unscharfwerden disziplinärer Grenzen ist dabei selbst beachtlich geworden, und zwar in dem Maße, in dem eines der exponiertesten Felder der Kulturwissenschaften Wissen betrifft: seine Entstehungsbedingungen, rhetorischen Prägungen und die Formen seiner Übertragung." (Vismann 1996, S. 106).

4.2 Die disziplinäre Matrix und die universitären Strukturen von Über- und Unterordnung

Es ist schon bemerkenswert, welches Beharrungsvermögen die disziplinäre Matrix für die Organisation wissenschaftlicher Tätigkeit besitzt, trotz der inzwischen recht überwältigenden Beweise ihrer eigenen Obsoletheit. Einer der Gründe für dieses Beharrungsvermögen liegt natürlich in der Tatsache, daß disziplinäre Gliederungen eben nicht nur Klassifikationssysteme, sondern auch Machtstrukturen sind, in denen über Personalien, Ressourcen, Gebäude und Ausstattungen gekämpft wird. Disziplinen liefern die Daseinsberechtigung für Fachverbände und deren Interessenpolitik, sie bilden den Rahmen, in dem über Forschungsförderungen entschieden wird (was die Schwierigkeit der Förderung interdisziplinärer Projekte erklärt), und sie sichern die Erbfolge akademischer Würdenträger. Aber Wolf Lepenies hat natürlich recht, wenn er feststellt: "Die strenge Beschwörung disziplinärer Identitäten mag noch einen Nutzen für die Verteilung knapper Ressourcen haben und altmodische akademische Hahnenkämpfe befeuern. ... geistespolitische Anregungen lassen sich auf diese Weise nicht mehr gewinnen." (1997, S. 93-94) Ich will diesen immer noch angebrachten Bekräftigungen dessen, was Frühwald "dialogische Formen wissenschaftlicher Argumentation" nennt, nur aus meiner neueren Lektüre zwei Fußnoten anfügen, die für meine These von der notwendigen Verknüpfung unterschiedlicher Wissensformen und -traditionen besonders relevant erscheinen: a) Das Werk des großen jüdischen Schriftstellers Gershom Scholem, der sich mit großem Erfolg in der jüdischen Historiographie und vor allem in der jüdischen Mystik auf die Suche nach neuen kulturwissenschaftlichen Einsichten gemacht hat - wie das Buch von Peter Schäfer und Gary Smith über Gershom Scholem (1995), das bezeichnenderweise den Titel "Zwischen den Disziplinen" trägt, sehr schön deutlich macht. b) Das schon erwähnte Projekt der Werner-Reimers-Stiftung, das die kulturwissenschaftliche Wende in den Humanwissenschaften in Beziehung setzt zur Diskussion um die Zukunft der "area studies" und dabei nach Möglichkeiten für eine etwas andere Art von "Interdisziplinarität" sucht, in der aus der Verknüpfung fachspezifischer und regionalspezifischer Fragestellungen neue kulturwissenschaftliche Aufgaben entstehen (Lackner und Werner 1999).

4.3 Politik des Wissens und die Bewertung wissenschaftlicher Arbeit

In der Politik des Wissens scheiden sich - mit Recht - da die Geister, wo es um die Einschätzung wissenschaftlicher Arbeit geht, um die Bewertung der Qualität von Wissenschaftlern, Professoren, Studierenden, Projektanträgen, Manuskripten. Hier werden die Lorbeeren der Akademie vergeben, der Lohn der wissenschaftlichen Mühe ausgezahlt - hier wird Macht ausgeübt.

Dieser Prozeß hat die Tendenz, konservativ zu sein; er hat sich an Bewährtem zu orientieren und muß Unerprobtem gegenüber skeptisch sein. Disziplinäre Identifizierung und die kontinuierliche Fortführung von Forschungstraditionen sind bewährt und erprobt; Interdisziplinäres Forschen und neue Fragestellungen bedeuten Diskontinuität, unerforschtes Terrain - und Risiko.

In der Praxis des wissenschaftlichen Alltags und in der Realität unserer wissenschaftlichen Einrichtungen ist diese Vorsicht zu einem bestimmenden Verfahrensmerkmal geworden und wirkt sich belastend und verhindernd auf den notwendigen Prozess der ständigen Erneuerung unserer Vorstellungen von Wissen aus. Hier manifestieren die Hierarchien des Wissens ihre Macht am deutlichsten und am wirksamsten, hier wird der Unterschied zwischen machtvollem und machtlosem Wissen greifbar. Hier wird zudem ein entscheidendes Demokratiedefizit unserer wissenschaftlichen Kultur deutlich.

Hierarchien werden sowohl demokratietauglich als auch innovationsfähig dadurch, daß sie rechenschaftspflichtig werden. Hierarchien - und das gilt auch für die Hierarchien des Wissens - sind nicht als solche demokratie- und innovationsunfähig; sie werden es dadurch, daß sie sich dem Gebot der Transparenz und der Rechenschaftspflicht entziehen. Ich habe keinerlei Probleme mit starken Universitätspräsidenten, einem nach Qualität differenzierten Hochschulsystem oder einem von wissenschaftlicher Reputation getragenen System der Forschungsförderung - solange die Verfahren und die Kriterien der Entscheidungen transparent und für den kritischen Dialog mit den Betroffenen offen sind; das gilt für die Vergabe von Klausurnoten ebenso wie für die Entscheidungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft, und für Berufungsentscheidungen ebenso wie für die Zulassung zu einem Studium.

Hier liegt eine politische Herausforderung ersten Ranges, die sich auf die Herstellung eben dieser Transparenz und Rechenschaftspflicht richtet. In der jetzigen hochschulpolitischen Situation in Deutschland ist inzwischen erstaunliches möglich geworden - selbst eine Dienstrechtsreform für Professoren. Aber in diesem kritischen Punkt ist noch einiges zu tun.

4.4 Transnationales Wissen und nationale Hochschulen

Es ist immer schon schwierig gewesen, den nationalen Ursprung und Bezugsrahmen von Hochschulen mit der grundsätzlichen Internationalität von Wissenschaft in Einklang zu bringen. Angesichts eines internationalen und transnationalen Wissenssystems, in dem zunehmend problematische Bedingungen von Über- und Unterordnung, von Einschluß und Ausschluß, von privilegiertem und unterprivilegiertem Wissen herrschen, gewinnt dieses Defizit besondere Aktualität und stellt für die deutsche Hochschule - und nicht nur für sie - eine Herausforderung ersten Ranges dar (vgl. Inayatullah und Gidley 2000).

Dabei geht es natürlich auch um die zur Zeit mit besonderer Vorliebe gehandelten hochschulpolitischen Versatzstücke wie fremdsprachige Studiengänge, international vergleichbare Studienabschlüsse, die Anrechnung von Auslandsstudien und ähnliches. Aber das bleibt, so wichtig es im einzelnen auch ist, angesichts der wirklichen Probleme der internationalen Wissensordnung an der Oberfläche. Natürlich ist es wichtig, daß Hochschulabsolventen über die kognitiven Fähigkeiten, die Sprach- und Landeskenntnisse verfügen, die ihnen das Funktionieren in globalisierten Handlungssystemen erlauben. Mindestens ebenso wichtig ist es aber, ihnen die Fähigkeiten zu vermitteln, den Prozess der Globalisierung kritisch zu begleiten und in seinen Bedingungen und Folgen einzuschätzen. Das kann nur geschehen, wenn unsere Hochschulen auch in einem wissenschaftlichen und intellektuellen (und nicht nur in einem extracurricular-folkloristischen) Sinn zu Zentren kultureller Begegnung werden, an denen die Auseinandersetzungen über die Frage "whose knowledge matters" - wessen Wissen zählt - zum selbstverständlichen Alltag von Forschung und Lehre gehören und wo das, was Rajni Kothari einmal "die homogenisierende geistige Monokultur" des transnationalen Wissenssystems genannt hat (1987, S. 284), bewußt zum Gegenstand einer kritischen und selbstkritischen Reflexion wird. Und wo es nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist, daß ein Homi Bhabha in Chicago oder Harvard oder Berlin lehrt.

Und warum sollten gerade deutsche Hochschulen nicht bewusst und aktiv und jenseits aller Quotenregelungen für ausländische Studierende zu Zentren und Vorreitern einer neuen, aktiven Einwanderungspolitik werden? Auch das gehört zur internationalen Politik des Wissens.

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Hans N. Weiler: Wissen und Macht in einer Welt der Konflikte
Zur Politik der Wissensproduktion
Beitrag zum Kongress "Gut zu Wissen", Heinrich-Böll-Stiftung, aus: Heinrich-Böll-Stiftung(Hg.): Gut zu Wissen, Westfälisches Dampfboot 2002


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