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André Gorz

Welches Wissen? Welche Gesellschaft?

Drei Thesen zur Einleitung

  1. Wissen spielt im gesellschaftlichen Produktionsprozess bereits die bei weitem wichtigste Rolle. Es ist die entscheidende Produktivkraft. Es ist dazu bestimmt, sowohl einfache manuelle Arbeit als auch Finanz- und Sachkapital zu subalternen Produktivkräften herabzusetzen.
    Die gegenwärtige Entwicklung weist auf eine zukünftig mögliche Wissensgesellschaft hin, ist aber noch weit davon entfernt, deren Möglichkeit zu verwirklichen. Was bereits heute viele für eine Wissensgesellschaft halten, welche die Gesetze der kapitalistischen Ökonomie außer Kraft setzt, ist bloß die provisorische Form eines Kapitalismus, der Wissen als Eigentum privater Firmen behandelt und wie Sachkapital verwertet.
  2. Zum Übergang in eine Wissensgesellschaft wird es erst kommen können, wenn die Gesellschaft Wissen nicht als Fachwissen behandelt, sondern als Komponente einer Kultur, in der die Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten und Beziehungen das entscheidende Ziel ist. Es liegt im Wesen von Wissen, ein gesellschaftliches Gemeingut zu sein und im Wesen einer Wissensgesellschaft, sich als Kulturgesellschaft zu verstehen.
  3. Wissen gehört zur Kultur, ist in sie eingebettet, wirkt auf sie zurück und umgekehrt. Beide entwickeln sich im universellen Austausch und Verkehr. Eine Wissens- oder Kulturgesellschaft erfordert, dass allen der bedingungslose Zugang zum gesamten Wissen sowie die Teilhabe an den wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften gesichert ist. "Wissen ist nicht dazu geeignet, als exklusives Eigentum behandelt zu werden" ("is not susceptible to exclusive property") sagte schon Thomas Jefferson. Der Sinn für und die Pflege von Gemeingut müssen folglich in einer Wissensgesellschaft gegenüber Privateigentum und Warenbeziehungen überwiegen. Ebenso wenig wie Wissen ist die Natur dazu geeignet, zum Zweck ihrer Vergeldlichung privatisiert, instrumentalisiert und vergewaltigt zu werden. Wissen darf nicht auf kognitiv-instrumentelle technowissenschaftliche Kenntnisse reduziert werden.

1. Wissenskapitalismus heute

Wir befinden uns gegenwärtig in einer Übergangsphase, in der mehrere Produktionsweisen koexistieren. Der auf die Verwertung von Sachkapital ausgerichtete Kapitalismus wird mit der schnellen Entwicklung der elektronischen Netzwerktechnologien von einem auf die Verwertung von "Wissenskapital" ausgerichteten Kapitalismus überholt.

André Gorz
geboren 1924 in Wien, lebt seit 1949 als Schriftsteller und Philosoph in Frankreich.
Veröffentlichungen: Arbeit zwischen Misere und Utopie, Frankfurt/M.:Suhrkamp, Ffm (2000), Kritik der ökonomischen Vernunft. Sinnfragen am Ende der Arbeitsgesellschaft, Hamburg: Rotbuch (1994), Wege ins Reich der Freiheit, Hamburg: Rotbuch (1989).

Dieser ist bemüht, sich alle Formen von Wissen - Kenntnisse, Fähigkeiten, Verfahren, aber auch Geschmack, Künste, Sinngebungsvermögen, Erfahrungen - einzuverleiben und als warenförmige Angebote zu vermarkten. Jeremy Rifkin hat diesen Wandel des Kapitalismus in einem Buch dokumentiert, dessen vielsagender amerikanischer Untertitel nicht übernommen wurde: The Age of Access. The New Culture of Hypercapitalism where All Life is a Paid-for-Experience[1].

Die Verwandlung von Wissen in Kapital und seine Verwertung bleiben jedoch ein widersprüchlicher Prozess. Der Wert der diversen Formen von Wissen ist mit den üblichen Maßstäben nicht messbar. Die Entstehungskosten allen Wissens werden ja zum größten Teil von der Gesamtgesellschaft getragen: von den Eltern und Erziehern, vom öffentlichen Unterrichts- und (Aus)Bildungssystem, von den staatlichen Forschungszentren und Hochschulden. Aus diesen gesellschaftlichen Vorleistungen wird Privatunternehmen gratis soziales Kapital zur Verfügung gestellt. Sie schöpfen allein das firmenspezifische Wissen, mit dem sie das unmessbare soziale und kulturelle Wissenskapital ergänzen. Die Bewertung des firmeneigenen Wissenskapitals hat immer etwas Willkürliches. Die für seine Schöpfung aufgewendete Arbeitsmenge mag sehr groß sein (z.B. in der pharmazeutischen Industrie) aber auch verschwindend klein, wenn es z.B. aus einer Idee, einer uralten Formel oder dem künstlerischen Talent eines Einzigen besteht.

Aus Rifkins Angaben geht hervor, dass Wissen hohe Gewinne nur einbringt, insofern es ein firmeneigenes Wissensmonopol bleibt: ein Privatpatent, aus dem die Firma eine Rente bezieht. So werden z.B. die Aktien von Nike, McDonald's oder Coca Cola von der Börse hoch bewertet, obwohl diese Firmen überhaupt kein Sachkapital (Maschinen, Anlagen) besitzen und nichts Greifbares erzeugen: Sie verpachten ihre Ideen, Konzepte und Verfahren zusammen mit ihrem Markennamen und erheben eine Gebühr auf die von Unterpächtern hergestellten und vertriebenen Erzeugnisse oder Dienstleistungen. Wissen wird selbst von den größten Firmen immer weitgehender von Sachkapital entkoppelt, als Dienstleistung verpachtet oder vermarktet und als Quelle bedeutender Renten von der Börse notiert. Es ist folglich nicht - wie man es aufgrund Rifkins Ausführungen glauben könnte - Privateigentum an sich, das verschwindet; allein Eigentum an Sachwerten, Sachkapital wird von den Firmen ausgelagert und zwar zugunsten des Privateigentums an Wissen, welches als warenförmige Dienstleistung objektiviert und verwertet wird.

Der an sich unmessbare Wert von Wissen wird hauptsächlich an der Höhe der Rente, welche sein Alleinbesitz einbringt oder voraussichtlich einbringen wird, bemessen. Aus einer von Rifkin zitierten schwedischen Studie geht hervor, dass der Anteil des "intellektuellen Kapitals" der meisten Unternehmen einen 5 bis 6 mal höheren Börsenwert erreicht als das Sach- und Finanzkapital. Das vom Sachkapital abgekoppelte Wissenskapital eignet sich durch seine Substanzlosigkeit ganz besonders dazu, als "von jeglichem Körper befreite Geldseele des Kapitals" (Robert Kurz) zu gelten, als Versprechung grenzenloser zukünftiger Märkte für zukünftige Waren von nicht messbarem Wert und folglich auch als Versprechung grenzenloser Kursgewinne. Gigantische Finanzblasen können sich auf dieser Grundlage schnell aufblähen und ebenso schnell zerbersten.

Da Wissensmonopole normalerweise kurzlebig sind, sind Firmen immer bestrebt, ihr Monopol durch den symbolischen Wert ihres Markennamens gegen die Konkurrenz jüngerer Unternehmen zu schützen. Zu diesem Zweck dienen ihre hohen Ausgaben für Marketing und Werbung: über 30% des Umsatzes bei Microsoft, mehr noch in der Modeindustrie. Marketing und Werbung entwickeln sich besonders schnell zu führenden und blühenden Wissensindustrien, die den übrigen Industrien allein die Fähigkeit verkaufen, den Geschmack, die Wünsche, Begierden, Gefühle, Wertvorstellungen usw. so zu konditionieren, dass dem Angebot der Firmen eine Nachfrage entspricht.

Die zentrale Funktion, die Wissen im Produktionsprozess einnimmt, bewirkt an sich noch keinen grundlegenden Wandel des Wirtschafts- und Gesellschaftssystems. Sie bewirkt vielmehr neue Formen seiner Ausdifferenzierung und seiner Krise, welche auf die Notwendigkeit eines grundlegenden Wandels hinweisen. Vorangetrieben wird die gegenwärtige Krise vor allem durch den Rückgang der einfachen, abstrakten Lohnarbeit und die Ausbreitung der komplexen, sogenannten "immatriellen" Arbeit, welche in alle Gebiete der Ökonomie eindringt und sich zu verselbständigen sucht. Unter "immatrieller" Arbeit versteht man vor allem Leistungen, die nicht mehr nach den üblichen Maßstäben messbar sind. Sie erfordern vom Arbeitenden, dass er sich als selbständig handelndes Subjekt in seine Arbeit einbringt, um sein Wissen, seine Fähigkeiten als unmittelbar wirksame Produktivkraft mit anderen abzustimmen und zu koordinieren.

Dies geschieht vor allem bei miteinander vernetzten Netzwerkunternehmen und bewirkt eine drastische Senkung der Transaktionskosten und der Zirkulationszeit des Kapitals. Die Mitarbeiter solcher Unternehmen verfügen über eine weitgehende Autonomie und verstehen sich als "Mitunternehmer", nicht als Arbeitnehmer. Eben diese unternehmerische Einstellung verlangt aber auch die verarbeitende Industrie von einem wachsenden Teil ihrer Arbeitnehmer, die sich, gemäß dem "just-in-time" Prinzip, unter einander sowie mit Zulieferern und Kunden abzustimmen haben. Die immatrielle Arbeit bleibt allerdings in letzterem Fall ein untergeordneter Bestandteil einer weiter stark gezügelten, dem Kommando des Kapitals unterworfenen Arbeitstätigkeit. Persönliche, nach keinem Maßstab messbare Fähigkeiten der Arbeitnehmer werden von den Betrieben sozusagen eingefangen, genutzt und derart eingesetzt, dass sie sich nicht selbständig als solche ausdrücken können.

Die Verbreitung der immatriellen Arbeit enthält folglich ein beträchtliches Emanzipations- aber auch Kontrollpotential, kann aber gegenwärtig (ich komme darauf in Kapitel 10 zurück) nur von einer Minderheit wahrgenommen und in Erscheinung gebracht werden. Um die für den Übergang in eine Wissensgesellschaft nötigen Voraussetzungen zu verstehen, wird es zunächst nützlich sein, die Notizen der Grundrisse (GR) zu erörtern, in denen Marx glaubte, die zukünftige Entwicklung einer Wissens- und Kulturgesellschaft in Aussicht stellen zu können.

2. Der lange Weg zur Wissensgesellschaft: Marx

Man findet bereits bei Marx die Einsicht, dass Wissen nicht nur eine unmittelbare Produktivkraft ist, sondern auch bestimmt ist, "die größte Produktivkraft" zu werden. Arbeit in ihrer unmittelbaren Form, Arbeit, die in Arbeitszeit gemessen und als solche entlohnt wird, "muss aufhören, die große Quelle des Reichtums zu sein", schreibt Marx. Und Arbeitszeit wird aufhören müssen, als Maß des geschöpften Reichtums zu dienen (GR, S. 593). Die Schöpfung von Reichtum wird "immer weniger von der Arbeitszeit und dem Quantum angewandter Arbeit" abhängen und immer mehr abhängen "vom allgemeinen Stand der Wissenschaft und dem Fortschritt der Technologie" (GR, S. 592). "Die unmittelbare Arbeit und ihre Quantität (werden) als das bestimmende Prinzip der Produktion verschwinden" und sie werden "herabgesetzt als ein zwar unentbehrliches aber subalternes Moment (gegenüber der) allgemeinen wissenschaftlichen Arbeit" (GR, S. 587). Der "Produktionsprozess" wird nicht mehr als "Arbeitsprozess " zu begreifen sein.

All das bestätigt sich heute. Was Marx "Wissen" nennt ist aber weit mehr als die beruflichen Fachkenntnisse, die die Einzelnen erworben haben. "Wissen" bezeichnet bei Marx "das allgemeine gesellschaftliche Wissen, Knowledge" (GR, S. 594), in anderen Worten das, was wir als das allgemeine Bildungsniveau ansehen. Marx ging davon aus, dass die Anhebung des sogenannten Lebensstandards die Entwicklung von Bedürfnissen, Genüssen und Konsumgütern, die nicht lebensnotwendig sind, ermöglichen wird sowie die "Entwicklung der reichen Individualität", einer Individualität "die ebenso allseitig in ihrer Produktion als (in ihrer) Konsumtion ist und deren Arbeit daher auch nicht mehr als Arbeit, sondern als volle Entwicklung der (freien persönlichen) Tätigkeit erscheint" (GR, S. 231), einer Tätigkeit, die sich als Selbstzweck gilt.

Wie sehr "Wissen" bei Marx mit dem Bildungsniveau und der "allseitigen, freien Entwicklung der Individualitäten" (GR, S. 593) verbunden ist, zeigt sich auch in folgenden Bemerkungen: "Die wirkliche Ökonomie - Ersparung - ist die Ersparung von Arbeitszeit". Diese Ersparung ist "gleich" mit "Vermehren der freien Zeit, d.h. Zeit für die volle Entwicklung des Individuums, die selbst wieder zurückwirkt auf die Produktivkraft der Arbeit. Sie kann vom Standpunkt des unmittelbaren Produktionsprozesses aus betrachtet werden als Produktion von capital fixe, dies capital fixe being man himself" (GR, S. 599). "Dass übrigens die unmittelbare Arbeitszeit selbst nicht in dem abstrakten Gegensatz zu der freien Zeit bleiben kann, versteht sich von selbst. Die freie Zeit - die sowohl Mußezeit als Zeit für höhere Tätigkeit ist - hat ihren Besitzer in ein anderes Subjekt verwandelt", nämlich in ein "künstlerisch, wissenschaftlich etc." ausgebildetes (GR, S. 593).

Dieser Verwandlung hat aber der Freizeitkapitalismus sehr effektiv entgegengewirkt.

3. Statt allseitiger Entwicklung Freizeitkapitalismus

Was wir heute als "Wissenskapital" und "Humankapital" bezeichnen, kann man, wie man sieht, bereits bei Marx vorfinden. Er versteht die "Entwicklung der Individualitäten", die durch Arbeitszeitverkürzung zu ermöglichende "allseitige Entfaltung" der menschlichen Fähigkeiten, als eine Investition in die Produktion von Menschen selbst, welche "vom Standpunkt des unmittelbaren Produktionsprozesses aus" mit der Produktion von fixem Humankapital gleichgesetzt werden kann.

Marx' Begriff von Human- oder Wissenskapital ist aber vom heute geläufigen Begriff unterschieden. Unternehmer, Manager, Wirtschaftswissenschaftler verstehen unter Wissens- oder Humankapital die Fachkenntnisse und die persönlichen Veranlagungen, die für die Produktivität und die Konkurrenzfähigkeit einzelner Betriebe unmittelbar förderlich sind. Das betriebswirtschaftlich wertvolle Humankapital besteht weniger aus erlernbaren Kenntnissen als aus Einstellungen wie Arbeitseifer und Hochleistungswillen, Bereitschaft, ununterbrochen und lebenslang dazuzulernen und umzulernen und auch die Nicht-Arbeitszeit im Interesse des Unternehmens und der Karriere zu verwenden. Die unmittelbare Arbeit bestimmt heute die Nicht-Arbeitszeit inhaltlich als indirekte Arbeit, kolonialisiert und instrumentalisiert sie. Sie sollte - wie es in einem Dokument des französischen Commissariat du Plan heißt - Tätigkeiten gewidmet sein, die im Interesse der Arbeitgeber liegen. Die Furcht, dass das "Vermehren der freien Zeit" die Herrschaft des Kapitals untergraben und den Arbeitseifer und Arbeitsethos vermindern würde, ist so alt wie der Industriekapitalismus selbst. Um die Arbeitenden dem Kommando des Kapitals gefügig zu machen gilt es seit jeher, zu verhindern, dass die freie Zeit der "freien allseitigen Entwicklung der Individualitäten" und den Tätigkeiten dient, die nicht mehr als "Arbeit", sondern als Selbstzweck gelten und die Arbeitenden in "ein anderes, künstlerisch, wissenschaftlich etc. ausgebildetes Subjekt verwandeln".

Gerade weil die Nicht-Arbeitszeit einen wachsenden, bereits überwiegenden Teil der Lebenszeit ausmacht ist es für die Aufrechterhaltung der Macht des Kapitals über die Arbeitskräfte unerlässlich, den Inhalt der "freien Zeit" zu bestimmen. Die Menschen dürfen sich in ihrer freigesetzten Zeit nicht dem Verwertungszwang, der Diktatur des Zeitmessers und der ökonomischen Berechnung entziehen, sie sollen nicht in der Lage sein, Formen alternativer Gesellschaftlichkeit jenseits der Geld- und Warenbeziehungen zu entwickeln. Es gilt folglich, so genannte Freizeitaktivitäten in "Fortsetzungen der Arbeit mit anderen Mitteln" (Ernst Jünger) zu verwandeln. Dies geschieht unter anderem im Sport, von dem Jünger (1954) schreibt: Er "trägt ebenfalls Arbeitscharakter und zwar dadurch, dass er die freie Bewegung des Spieles dem Bann der Uhren und Rekorde unterwirft. Er bringt daher auch keine Erholung sondern setzt die Arbeit fort. Das tritt auch dadurch zu Tage, dass sich einerseits Messverfahren, andererseits Geldgeschäfte an ihn anschließen".[2]

Das gleiche gilt für warenförmige Freizeitbeschäftigungen. Sie stehen unter permanentem Zeit- und Verwertungsdruck insofern für sie gilt, vom Geld, das man der Freizeitindustrie für sie zahlt, so gut und schnell wie möglich zu profitieren. "Amüsement ist die Verlängerung der Arbeit unterm Spätkapitalismus... Vergnügen heißt allemal: nicht daran denken müssen, das Leiden vergessen, auch wo es gezeigt wird... Es ist in der Tat Flucht, aber nicht, wie es behauptet, Flucht vor der schlechten Realität, sondern vor dem letzten Gedanken an Widerstand, den jene noch übriggelassen hat" (Adorno/Horkheimer, 1944). Freizeit- und Unterhaltungsindustrie, Werbung und Marketing haben nicht eine bloß kommerzielle Funktion. Sie bestimmen Meinungen, Haltungen, Wertvorstellungen, Selbstbilder, Geschmack, Lust, Lebens- und Gefühlswelten, haben ihren direkten Zweck weniger darin, schreibt Robert Kurz, "zum Kauf bestimmter Waren anzureizen, sondern als allgemeine Formierung eines Bewusstseins (zu wirken), das die Form den "Sinn", die spezifische Ästhetik von "Reklame überhaupt" in sich aufgenommen hat und mit diesen Augen die Welt sieht"... "Emotionskontrolle", "Traumkontrolle", "Bewusstseinskonditionierungen": "Die Formatierung nicht nur der äußeren Wünsche und Begierden, sondern auch der Gefühle, der Griff nach dem Unbewussten enthüllt am deutlichsten den totalitären Charakter des Kapitalismus - und macht diesen Totalitarismus zugleich unsichtbar, soweit de Zugriff gelingt" (Robert Kurz, 1999, S. 571).

Die Kolonialisierung und Instrumentalisierung von "freier Zeit" wirkt einer Entwicklung entgegen, die die diversen Dimensionen von "Wissen" in eine umfassende Kultur einbetten und zur allseitigen Entfaltung der Individuen beitragen könnte. Der "totalitäre Freizeitkapitalismus", wie ihn Kurz nennt, verbindet nicht technisch-wissenschaftliche mit "künstlerischer etc." Bildung. Ganz im Gegenteil: Er bringt Individualitäten hervor, deren technisch-wissenschaftliche Bildung die Unbildung auf allen anderen Gebieten mit sich zieht. Er bewirkt den Verfall von Formen der Alltagskultur in denen "Wissen" als Gemeingut gesellschaftliche Beziehungen jenseits von Kauf- und Verkaufsbeziehungen beleben könnte. Kurz, er verhindert das Entstehen einer Wissensgesellschaft.

4. Herrschaft über Wissen. Wissensmonopole.

Marx dachte, dass "Wissen" und Wissenschaft sich als gesellschaftliches Gemeingut "in den Köpfen der Individuen akkumulieren" würden; und dass seine tägliche Anwendung im Produktionsprozess ein allgemeines Wissensniveau mit sich ziehen müsste, welches es dem Kapital verbieten würde, "Wissen" in seinen Privatbesitz zu überführen. Da "Wissen" tendenziell die wichtigste Produktivkraft ist, würde das Kapital die Kontrolle und das Kommando über die Produktion und ihre Weiterentwicklung verlieren. Dem Kapital würde eine immer mächtigere, selbstbewusste, (aus-)gebildete Arbeiterklasse gegenüberstehen, welche sich des gesamtgesellschaftlichen Produktionsprozesses zu bemächtigen wüsste.

Obwohl Marx diese Prognose nie ausdrücklich gemacht hat, bildet sie den Hintergrund, von dem aus einige seiner übrigen Aussagen verständlich werden. Zum Beispiel dass mit dem steigenden (Aus)Bildungsniveau die Arbeitenden die Vermehrung ihrer "freien Zeit" spontan für "Muße", "höhere Tätigkeiten", Besinnung etc. verwenden würden. Dass sich aus der "allseitigen Entwicklung" der Individualitäten ihre Befreiung in und von der Arbeit ergeben würde. Dass die Fähigkeiten und Kompetenzen der Arbeitenden die vom unmittelbaren Produktionsprozess erforderten Fertigkeiten bei weitem übersteigen würden, was zur Folge hätte, dass die Individuen gegenüber ihrer "auf ein Minimum reduzierten" Arbeit auf Distanz gehen und ihre Auffassung von "Reichtum" sich grundlegend ändern würde.[3]

Die Produktion würde aufhören, der Hauptzweck der menschlichen Tätigkeiten zu sein, der Verwertungsprozess würde die sozialen Verhältnisse nicht mehr beherrschen. Der auf "Wissen" gegründete Produktionsprozess würde die Arbeits- und Produktionsgesellschaft am Ende zugunsten einer nicht-produktivistischen Kulturgesellschaft aufheben.

Für uns sind mittlerweile die Entwicklungs- und Aneignungsmöglichkeiten von "Wissen" viel komplexere politische Fragen geworden als sie es für Marx waren. Für uns ist die Annahme geradezu naiv, dass das Kapital die Entwicklung von "Wissen" als wichtigste Produktivkraft zulassen könnte, ohne selbst für die Aneignung von und die Herrschaft über "Wissen" zu sorgen. Das Wesen von Wissen, seine Inhalte, seine Verbreitung, seine Beziehung zur unmittelbaren Arbeit sind zentrale Konfliktstoffe geworden, in denen die Orientierung der gesellschaftlichen Entwicklung auf dem Spiel steht.

Von Anfang an war der Kapitalismus für seine Entwicklung darauf angewiesen, Arbeit und Arbeitskraft seiner Herrschaft zu unterwerfen. Um den Arbeitern das Lohnverhältnis aufzuzwingen, musste das Kapital sie nicht nur ihrer Arbeitsmittel enteignen. Es musste ihnen ebenfalls das Gefühl von Selbstständigkeit, Stolz und Würde nehmen, das sie als "freie Arbeiter" - d.i. als Handwerker - durch die Ausübung ihrer Kenntnisse und Fertigkeiten erworben hatten. Für die Entwicklung der Manufakturen und anschließend der Fabriken war es unerlässlich, die manuelle Erzeugung selbst einfacher Produkte (z.B. Stecknadeln) in eine Reihe von simplen, repetitiven Handgriffen zu zerlegen, die selbst kleine Kinder ausführen konnten. Die Herrschaft des Kapitals über die Arbeiter erforderte, dass diese der Mittel und der Produkte ihrer Arbeit enteignet wurden, sowie des Rechts und der Möglichkeit, ihre Arbeitsweise, Arbeitszeit und Geschwindigkeit selbst zu bestimmen.

Die Arbeitsteilung war eine der grundlegenden Voraussetzungen der Industrialisierung. Die immer mächtigere Maschinerie der Industrie war nicht nur eine Akkumulation von "toter Arbeit" (d.h. von Kapital), sie war auch eine Akkumulation von ungeheuren Mengen von spezialisiertem technisch-wissenschaftlichem Wissen. Dieses in Maschinen gespeicherte und vergegenständlichte Wissen machte aus den Maschinen den eigentlichen Virtuosen, der auf die unwissenden, entmachteten Arbeiter "als fremde Macht einwirkt" (Marx), als Macht des Kapitals.

Die sogenannte Informationsrevolution ermöglicht einen gigantischen Schritt weiter. Die bisher für den Produktionsprozess weiter erforderlichen menschlichen Fertigkeiten und Kenntnisse, ob manueller oder intellektueller Art, können zu einem rapide wachsenden Teil von den Menschen getrennt, in Software gespeichert und als Maschinen-Wissen wieder abgerufen werden. Die Verwandlung von lebendigem in totes Wissen, also von Wissen in fixes Privatkapital bereitet einer grenzenlosen Macht und Herrschaft des Kapitals über alles Lebendige den Weg. In seiner verdinglichten toten Form kann Wissen praktisch kostenlos vervielfältigt und als Ware vermarktet werde. Es kann in Millionen von Computern weiterwirken, in computergesteuerten Fertigungssystemen "arbeiten", berechnen, zeichnen, entwerfen, montieren usw. ohne von einem einzigen Menschen noch "gewusst" zu sein. Es kann privatisiert, zu exklusivem Firmenbesitz gemacht und der restlichen Menschheit vorenthalten werden. Es kann als Wissensmonopol seinen Eigentümern eine Rente einbringen und ein Machtmonopol sichern. Es kann einer winzigen, mit dem Finanzkapital verschmolzenen Elite von Wissenskapitalisten eine noch nie da gewesene Fülle von Reichtum und Macht einbringen und einen Großteil der "überflüssig" gewordenen Bevölkerung ausgrenzen. Dies ist eine der sich abzeichnenden Richtungen, in die sich der digitale Kapitalismus entwickelt.

Von hier ab stellen sich mehrere Fragen:

  • Um zu einer Wissensgesellschaft zu führen, müsste die bisherige Entwicklung nicht soziale Akteure hervorbringen, die sich jeder Form von Privatisierung, Patentierung und Monopolisierung von Wissen widersetzen, um es als universelles Gemeingut allen zugänglich zu machen? Gibt es diese Akteure?
  • Kann Wissen generell als Fundament einer Gesellschaft dienen und sie zusammenhalten, oder müsste man zwischen verschiedenen Arten von Wissen und von sozialen Wissensverhältnissen unterscheiden, die nicht in gleichem Ausmaß dazu geeignet sind, als Grundlagen einer Wissensgesellschaft zu dienen?

5. Wissen, Wissenschaft, Verwissenschaftlichung

Was meinen wir eigentlich, wenn wir vom "Wissen" in der "Wissensgesellschaft" sprechen? Schon bei Marx herrschte große Unklarheit. Er verwendet beliebig Ausdrücke wie "Wissen", "Intellekt", "Knowledge", "die allgemeinen Mächte des menschlichen Kopfes", "der allgemeine Stand der Wissenschaft". "Wissen" bezeichnet bei ihm oft die menschliche Fähigkeit, die Natur zu beherrschen und als Produktivkraft einzuspannen.

Die szientistische Tradition, die oft bis heute noch den Marxismus und den Sozialismus prägen, lassen außer Acht, dass Wissenschaft, wie man sie in der industrialisierten Welt versteht, einen bestimmten sozialen und kulturellen Hintergrund voraussetzt. Wissenschaft verbürgt keine intuitiven Gewissheiten. Sie entwickelt sich vielmehr auf dem Boden vorwissenschaftlicher, sinnlich-praktischer Erkenntnisse und Erfahrungen. Sie wirkt auf diese - auf die "anschauliche Welt" oder "Lebenswelt", wie sie Husserl nannte - zurück und bezieht aus letzterer und auf letztere den Zweck und Sinn, dem sie dient.[4]

Die vom gesellschaftlichen und kulturellen Standpunkt aus entscheidende Frage betrifft gerade diese Wirkung und Rückwirkung der Wissenschaft auf die Lebenswelt und umgekehrt: Erweitert Wissenschaft die Lebenswelt oder engt sie sie ein? Ist Wissenschaft ein Nährboden der Lebenswelt und umgekehrt, oder verdorrt die Letztere infolge des Überwiegens der Ersteren?

Husserl sah den Grund der "Krisis der europäischen Wissenschaften" und der heraufziehenden Barbarei darin, dass die Wissenschaften unfähig geworden waren, "über sich selbst Rechnung abzugeben". Diese Unfähigkeit ist eine Folge der Mathematisierung. Denn es liegt im Wesen der Mathematik - und natürlich auch im Wesen des die Ökonomie beherrschenden rechnerischen Kalküls - dass sie alle "Denkweisen und Evidenzen" ausschaltet, die der "rechnerischen Technik als solcher"' nicht unentbehrlich sind. Es gilt ihr nur noch, "durch eine rechnerische Technik nach technischen Regeln Ergebnisse zu gewinnen". Man operiert nach Spielregeln, "im Wesentlichen nicht anders als im Karten- oder Schachspiel".[5]

Die Denkarbeit technisiert, formalisiert und mechanisiert sich, klammert Sinnfragen und den Bezug auf die sinnlich erfahrbare Wirklichkeit aus, nimmt "das Ideenkleid ,Mathematik' und ,mathematische Naturwissenschaft' ", das die Lebenswelt "vertritt und verkleidet"[6] , für "wahres Sein" und "entwertet die gesamten Wahrheiten des vor- und außerwissenschaftlichen Lebens, welche sein tatsächliches Sein betreffen".[7]

Eine auf die Ausschaltung der sinnlich erlebten Wirklichkeit und des sinnlichen Wahrnehmungsvermögens gegründete Wissenschaft erzeugt letzen Endes, wenn sich selbst überlassen, eine nur noch dem Intellekt zugängliche Technowelt.

Mathematisierende Wissenschaften sind deshalb jedoch nicht an sich verwerflich. Sie können Erkenntnisse und Verständnisse liefern, die in die Lebenswelt eingehen und sie erweitern. Sie werden aber die Lebenswelt einengen, disqualifizieren, ihr Sinngebungsvermögen untergraben, wenn sie ihre rechnerische Technik für den einzig richtigen Zugang zur Wahrheit halten, statt sich als Methode zu verstehen, die ihren Sinn und Zweck allein aus der vorwissenschaftlich erlebten Welt beziehen kann.

Der Sinn und erkenntnistheoretische Wert des wissenschaftlichen Wissens hängt folglich von seinem Zusammenhang mit und seiner Einbettung in die außerwissenschaftliche Lebenskultur ab. Wenn es sich gegenüber dieser verselbstständigt, entwickelt es sich auf Kosten der Lebenswerte und des Lebens selbst und "verarmt das Denken so gut wie die Erfahrung".[8]

Die Verselbstständigung der Wissenschaft gegenüber dem Leben ist in ihrer rechnerischen Methode geradezu angelegt. Rechnen, Mathematisieren ist eine Denkarbeit, die sich weder selbst zu denken und selbst zu verstehen braucht noch reflexiv selbst verstehen kann. Sie operiert und funktioniert unter Ausschluss der reflexiven Selbstbeziehungsmöglichkeit des Subjekts auf sein Operieren. Sie verlangt von ihm technische Wendigkeit und Geschicklichkeit und zugleich völliges Ausschalten seiner Subjektivität. In der wissenschaftlichen Denktechnik ist Lebensfeindlichkeit bereits angelegt. Dies zeigt sich insbesondere darin, dass die Wissenschaften sich bemühen, Leben - aber auch Bewusstsein - durch etwas, was es nicht ist, zu "erklären", d.h. auf leblose mechanische, chemische, physikalische usw. Vorgänge zu reduzieren, kurz ihm seine auto-poietische Eigenständigkeit und das Vermögen, sich selbst zu verstehen, abzusprechen.

In gleicher Weise ist die verwissenschaftlichte Welt eine leblose, gefühllose, unnatürliche. Die moderne Wissenschaft hat von Anfang an von der Gesellschaft den Auftrag erhalten, die Gesetze der Natur zu erkennen und zum Zweck ihrer Beherrschung zu nützen. Die vollständige Kenntnis dieser Gesetze sollte Ungewissheiten und Unberechenbarkeit beseitigen, die Zukunft voraussehbar machen, die Welt ebenso "in Ordnung bringen" wie die Gesellschaft selbst. Bis heute drückt sich im Verwissenschaftlichungsdrang ein manischer Macht- und Ordnungswahn aus. Kybernetik , Informatik, Biotechnologien sollen die Störanfälligkeit menschlicher Wesen beheben, menschliche Intelligenz mit maschineller substituieren, natürliches biologisches Leben mit vorprogrammiertem Biomaterial, natürliches Erbgut mit künstlich vorbestimmtem, das sich nicht vererben lässt.

6. Von der Beherrschung zur Abschaffung der Natur

Der Wille, die Natur zu beherrschen, kippt um in den Willen, die Natur abzuschaffen, die "äußere" ebenso wie die "innere" menschliche, zu Gunsten einer durchrationalisierten, vorprogrammierten, sich selbst regulierenden Weltmaschine, die von Menschmaschinen und Maschinenmenschen vor natürlichen Abweichungen und subjektiven menschlichen Wertungen und Verhaltensweisen geschützt ist.[9]

Der Traum von der total verwissenschaftlichten Gesellschaft verweist auf nichts anderes als den totalitären "Plan-Staat" (wie ihn Antonio Negri nannte), in dem die mit der staatlichen Verwaltung verschmolzene Staatspartei die Ziele des wissenschaftlichen Staatsplans an die von ihr dominierte Massenorganisation weiterleitet. Als Inhaber der wissenschaftlichen Wahrheit und Vernunft kann die Staatspartei keinerlei Zweifel an der Richtigkeit ihrer Ziele zulassen. Wo Macht sich auf Wissenschaft und auf wissenschaftlich erkannte Notwendigkeiten beruft, ist für politische Willensbildung überhaupt kein Platz.

Die Frage, ob die bis zur Abschaffung der Natur getriebene Naturbeherrschung sich nicht zu einer Abschaffung der Menschheit selbst verkehrt, wurde von den Pionieren der künstlichen Intelligenz, der Robotik und der Nanotechnologien selbst aufgeworfen und in einem Aufsehen erregenden Artikel eines mit ihnen befreundeten Insiders, Bill Joy, erörtert.[10]

Gelingt es der Technowissenschaft, neue Formen des Lebens zu schöpfen und sich selbstreproduzierende und selbstreparierende "unsterbliche" Roboter in die Welt zu setzen, deren Intelligenz und Interaktionsvermögen dem menschlichen weit überlegen sein könnte, dann verkehrt sich der Erfolg der Technowissenschaft sogleich in sein Gegenteil: die von Menschen geschöpften Formen von intelligentem Leben entziehen sich der Macht ihrer Schöpfer und sind ebenso frei - d.h. fähig, sich selbst zu bestimmen, zu optimieren, eigene Ziele zu verfolgen, nach Allmächtigkeit zu streben - wie die Menschen selbst. Sie treten mit diesen in Konkurrenz oder Konflikt und können nur beherrscht werden, wenn die fortan "antiquierten" Menschen ihre Fähigkeiten steigern, indem sie sich in Cyborgs verwandeln und - so Bill Joy - "in jeglicher Beziehung aufhören zu sein, was wir unter 'menschlich' verstehen". Der gesellschaftliche Kontext einer derartigen Verwandlung ist in Science-Fiction-Werken eingehend behandelt. Die Macht der Menschen über die Natur bestätigt sich als Macht ihrer Machtmittel über die Menschen selbst.

Ob oder wann es so weit kommen wird ist eine offene Frage. Noch ist die Technowissenschaft nicht an der Macht, sondern bloß ein Mittel zur Macht. Noch steht der Allmachtswahn im Dienst trivialer Kalküle und Interessen. Die Richtungen, in die die Verwissenschaftlichung sich entwickelt, sind nicht rein wissenschaftlich bestimmt. Sie sind direkt oder indirekt bestimmt von den Finanzmächten die in einem weiten Bereich möglicher Forschungen und Anwendungen diejenigen auswählen, die die herrschenden sozialen Verhältnisse stärken und den größten Profit versprechen. Hinter dem Willen, die Natur abzuschaffen, steht der Wille zur Substituierung der Naturschätze, die allen zugänglich sind, durch patentierte künstliche Äquivalente. Was die Natur kostenlos zur Verfügung stellt, soll industriell hergestellt und zahlungspflichtig werden.

So vollzieht sich die Verwandlung von Naturschätzen in Privatkapital. Konzerne dekodieren das Genom von Pflanzen, um natürliches sowie naturbezogenes menschliches Wissen in wissenschaftliches zu verwandeln und dessen Alleinbesitzer und -verkäufer zu werden. Steriles patentiertes Saatgut ersetzt das natürliche, die Synthese pflanzlicher Wirkstoffe die natürlichen usw.[11]

Verwissenschaftlichung ist die Voraussetzung der kapitalistischen Aneignung und Verwertung von natürlichem Gemeingut. Verberuflichung ist die Voraussetzung der Verwertung von allgemeinem informellem Wissen. Die Voraussetzung für den Aufbau einer Wissensgesellschaft hingegen ist, dass ein nicht-instrumentelles Verhältnis zur Natur der tendenziellen Verselbständigung der Technowissenschaft entgegenwirkt. "Wissen" darf nicht mit Sach- und Fachkenntnissen verwechselt werden. Verständnis für und ästhetische Wertung der Artenvielfalt des natürlichen Lebens gehören zum "Wissen" und müssen den technowissenschaftlichen Machtwillen überwiegen.

In den Naturwissenschaften ist eine Wende in diese Richtung seit einiger Zeit im Gange. Sie wurde ursprünglich eingeleitet von den im Biological Computer Laboratory arbeitenden Gründern der Systemtheorie und war für die Entwicklung der Ökologie entscheidend. Sie löst allmählich das Paradigma der analytischen "Erklärungen" durch das Paradigma des holistischen "Verständnisses" ab, begreift die Wirklichkeit als Komplexität, die nicht auf eine Verkettung von "Ursachen" reduzierbar ist. Zwischen den auf die Beherrschung der Natur ausgerichteten Technowissenschaften und den lebensfreundlichen "verstehenden" Wissenschaften, zwischen der "Allotechnik" und der "Startotechnik", wie Sloterdijk sie nennt, ist ein Konflikt angesagt, der letzten Endes auf der politischen Ebene ausgetragen werden muss.

7. Konfliktstoff Erziehung, Schule, Bildung

"Wissen" bedeutet stets zweierlei:

  1. Kenntnisse, die der Wissende vorsätzlich und methodisch erlernt hat. Es handelt sich hier um formelles, soziales Wissen, das die Individuen nicht aus eigenen Erfahrungen und Interaktionen erwerben konnten. Es ist Teil der akkumulierten Kenntnisse und Deutungsmuster, die im Laufe der Geschichte in die Kultur eines Volkes aufgenommen wurden. Der Lernprozess und die Inhalte des formellen sozialen Wissens sind vom öffentlichen Unterrichtswesen und den öffentlichen kulturellen Medien bestimmt.
  2. Vorverständnisse und Fähigkeiten, die wir spontan durch Erfahrungen und den Verkehr mit anderen erworben haben, ohne sie je thematisiert und vorsätzlich gelernt zu haben. Sprechen, die Umwelt und ihre Gegenstände deuten und handhaben, die Metasprache der Gesichtsausdrücke und Gesten verstehen usw., all das haben wir nicht absichtlich erlernt. Wir sind in eine soziale Lebensumwelt hineingewachsen und haben ihre Sprache sowie die Handhabung ihrer täglichen Gebrauchsgegenstände durch eben deren Handhabung gelernt. Informelles Wissen besteht zu einem großen Teil aus Gewohnheiten und Fertigkeiten, durch welche wir die soziale Umwelt als eine Verlängerung unseres Körpers, unserer selbst wahrnehmen. Dieses präkognitive informelle Wissen ist der Stoff unseres Bewusstseins, die soziale Basis, auf der die sinnliche, psychische und intellektuelle Entfaltung der Person sich vollzieht. Es kann diese Entfaltung begünstigen oder hemmen. Von ihr hängen weitgehend sowohl die Sozialisierbarkeit wie die Autonomiefähigkeit des Individuums ab.

Informelles soziales Wissen und Können kann nicht durch Unterricht gelehrt und erlernt werden. Es ist Sache der Erziehung. Je grundlegender Erziehung sich in der Kindheit von Dressur und Unterricht unterscheidet, um so effektiver wird informelles Wissen der Person zueigen: durch eigene Erfahrungen, eigene Experimente spielend erworben und als eigenes Verhältnis zur Umwelt gelebt, nicht als formell gelerntes (fremdes) Wissen gekannt. Soll eine Wissensgesellschaft sich gegen die Tendenz zur Verwissenschaftlichung und Formalisierung der sozialen Verhältnisse schützen können, muss sie die Qualität der Erziehung als eine der wichtigsten, "unbezahlbaren" gesellschaftlichen Aufgaben betrachten. Unbezahlbar, da Erziehungsarbeit keine messbare Leistung sein kann, für die es eine angemessene Bezahlung geben könnte. Erziehungsarbeit gelingt nur, wenn sie um ihrer selbst willen unternommen wird. Dafür hat die Gesellschaft die nötigen - auch finanziellen[12] - Rahmenbedingungen zu schaffen.

Das Verhältnis von Erziehungs- und Unterrichtspolitik, die Methoden und die Ziele, die ihr gesetzt sind, sind ein brisanter sozialpolitischer Konfliktstoff und eines der wichtigsten Themen der ökosozialen Modernisierung. Was hier auf dem Spiel steht, ist die Muße-, Lern- und Selbsttätigkeitsfähigkeit, die Entfaltung neuartiger sozialer Beziehungen jenseits der Waren- und Geldbeziehungen. Angesichts der fortschreitenden Verkürzung der Lebensarbeitszeit hängt die Lebensqualität immer stärker ab von den um ihrer selbst willen entfalteten Fähigkeiten und Aktivitäten. Aber gerade gegen deren Entwicklungsmöglichkeit wenden sich die Arbeitgeberverbände, die von Erziehung und Unterricht verlangen, dass sie betrieblich verwertbare Fertigkeiten auf Kosten der Mußefähigkeit fördern. "Warum soll die Wirtschaft auf Kosten der Unternehmen das Studium der Soziologie, der Philosophie, der Psychologie oder der Künste finanzieren, wenn sie sofort einstellbare Arbeitskräfte braucht?" meinte z.B. ein Sprecher der französischen Arbeitgeber, Denis Kessler. Je geringer die Lebensarbeitszeit und der Bedarf nach unmittelbar produktiver Arbeit, um so größer der Druck, den Vertreter des Kapitals ausüben, um längere oder kürzere Arbeitslosigkeit mit der mangelnden "Einstellbarkeit" (auf englisch: "employability") und der Faulheit der Arbeitslosen zu erklären und den Zwang zur Arbeit oder zur Arbeitsplatzsuche zu verschärfen.

Die wachsende Misere der Universitäten, der Mangel an Lehr- und Erziehungskräften, die Streichung von Krediten für Stipendien, Bafög, Grundlagenforschung, öffentliche Bibliotheken und Institute gehen in die gleiche Richtung. Sowie die Verberuflichung und Verökonomisierung von Fertigkeiten, die vor Kurzem noch als allgemeines "vernakuläres" Alltagswissen galten. Der Verwertungszwang löst Alltagskompetenzen aus ihrem lebensweltlichen Zusammenhang, verwandelt sie in verkäufliches Expertenwissen "Von jetzt an," schreibt Pierre Lévy, der diese Entwicklung enthusiastisch begrüßt, "macht jeder Geschäfte... Es gibt immer weniger abgrenzbare Berufe und Funktionen, alle sind stets damit beschäftigt, mit allem Möglichen Geschäfte zu machen: mit Sex, Heirat, Mutterschaft, Gesundheit, Schönheit, Identität, Kenntnissen, Beziehungen, Ideen... Die Person wird zu einem Betrieb,... verwaltet ihre Laufbahn wie ein Unternehmen".[13]

Die sozialen und ökonomischen Verhältnisse werden vom Kapital angesichts des Rückgangs des regulären Lohnarbeitsvolumens in einer Weise gestaltet, die den Erwerbsarbeitszwang verschärft. Diese Verschärfung hat ihren - nicht offen ausgesprochenen - Grund in der Befürchtung, dass die sich vollziehende Ausdehnung der Nicht-Arbeitszeit den Arbeitsethos und die Herrschaft des Kapitals untergraben würde, wenn Mußefähigkeit und Tätigkeiten, die um ihrer selbst willen unternommen werden, ermöglicht würden und sich entsprechend entwickelten. Dabei ist sich eine kleine Minderheit fortschrittlicher Unternehmen der Tatsache bewusst, dass zwischen produktivem und um seiner selbst willen erworbenem Wissen kein Gegensatz mehr zu bestehen braucht. Im Gegenteil: das eine und das andere können sich ergänzen und gegenseitig fördern. Kreativität, Fantasie, Beherrschung mehrerer Sprachen, künstlerische Begabung usw. sind wertvolle Komponenten des Arbeitsvermögens. Mitarbeiter fortschrittlicher Unternehmen haben folglich - wie auch Forscher und Lehrkräfte - ein bedingungsloses Anrecht auf Bildungsurlaub (sabbaticals). Dänischen Arbeitnehmern steht es frei, ein Jahr Urlaub zu nehmen, das ihnen zu 55 % bis 80 % vergütet wird, je nach dem ob sie es für persönliche und familiäre Zwecke oder zur Weiterbildung verwenden.

Die Komplementarität von vielseitiger Bildung und unmittelbar produktivem Wissen ist im sich vollziehenden technologischen Wandel wie vorprogrammiert. Das sich verwandelnde Kapital eröffnet die Aussicht auf eine Wissens- und Kulturgesellschaft, bekämpft aber zugleich deren Entwicklung, um seine Macht zu bewahren. Widersprüchlichkeiten dieser Art sind nichts Neues. Neu allerdings ist diese Aussicht selbst - ist die im Wesen des "Wissens" enthaltene Möglichkeit grundlegend neuer sozialer Verhältnisse jenseits von Waren- und Lohnbeziehungen.

8. Bildungspolitik in der Wissensgesellschaft

Je selbstverständlicher ein Wissen ist, um so unmöglicher ist es, es zu vermitteln. Es ist weder thematisiert noch versprachlicht. Es besteht aus Vorverständnissen, die sich auf einen kulturellen Hintergrund beziehen, der Kenntnissen und Erkenntnissen zugrunde liegt. Selbstverständliches Wissen lässt sich weder erklären noch mitteilen. Ich kann es nur durch ein beziehungsintensives Verhältnis vermitteln, welches es anderen ermöglicht, nachzuvollziehen, was ich meine und tue, weil sie Erfahrungen mit mir teilen.

Angehörigen einer Kultur ist dasselbe Vorverständnis gemeinsam. Es kann nie vollständig in andere Kulturen übertragen werden.[14] Universell verständlich und mitteilbar wird Wissen nur durch Formulierungen in einer Sprache, die von verschiedenen Kulturen zum Zweck ihrer Verständigung und ihres Austauschs von Wissen gemeinsam erfunden wurde. Diese Sprache ist abstrakter, formeller und ärmer als die Sprachen der Kulturen, die sich in ihr verständigen. Ihr Gebrauch enthält immer die Gefahr ihrer Abspaltung von den Lebenswelten und der Einebnung der verschiedenen Kulturen durch eine platte, sinnarme, interkulturelle Umgangssprache, die keiner Kultur angehört und keine literarische Sinnschöpfung erlaubt.

Eine Wissensgesellschaft kann nur entstehen, wenn sie die Produktion und den Gebrauch von, sowie den Zugang zum Wissen mit ihren eigenen kulturellen Zielsetzungen in Einklang bringt. Eine Wissensgesellschaft braucht eine Bildungs- und Kulturpolitik, die der Verselbständigung formellen Wissens und der Verwissenschaftlichung der sozialen Verhältnisse entgegenwirkt. Gerade weil Wissen - sowohl formelles wie informelles - als entscheidende Produktivkraft gilt, kann eine Gesellschaft ihren Zusammenhalt und ihr kulturelles Selbstverständnis nur bewahren oder weiterentwickeln, wenn sie den geradezu totalitären Zugriff der globalen Kultur- und Freizeitindustrie auf die Subjektivität der Menschen, sowie die Instrumentalisierung des Wissens, der Bildung, der Alltagskultur durch das Kapital verhindert. Dies kann nur gelingen, wenn ein anti-kommerzielles und antikapitalistisches Konzept von Bildung und Lebenskultur der Tendenz zur Vergeldlichung aller Fähigkeiten und Aktivitäten politisch offensiv entgegentritt und von sozialen Bewegungen und Experimenten veranschaulicht wird.

Ziele und Aufgaben einer Bildungspolitik ergeben sich aus dem eben Gesagten. Es gilt, den Erwerb von formellem und informellem Wissen mit Erfahrungen und Erlebnissen zu verbinden, in denen sich der Bezug zur sinnlich erfahrbaren Wirklichkeit, Sensibilität und Sprache, Austausch und Gemeinsinn entwickeln, aber auch das Bewusstsein des Unausgesprochenen und Unvermittelbaren (der ontologischen Einsamkeit) im Hintergrund aller Erfahrungen, welches das Verschmelzen des Einzelnen mit einem Kollektiv verunmöglicht und dem nie befriedigten Bedürfnis nach Verbundenheit, Anerkennung und Selbstverwirklichung zugrunde liegt.

Eine Wissens- und Kulturgesellschaft kann nur entstehen, wenn die "allseitige und freie Entfaltung der Individualitäten" im Mittelpunkt des gesamtgesellschaftlichen Konzepts steht (was bereits im Kommunistischen Manifest der Fall war). Ihre wichtigste Voraussetzung ist, dass alle zu allem Wissen, zu allen Selbstentwicklungsmöglichkeiten freien Zugang haben und dass das Streben eines jeden nach voller Entfaltung seiner Fähigkeiten als das gemeinsame Ziel aller wahrgenommen wird. In seinen früheren Büchern hat Pierre Lévy eine derartige Gesellschaft mit einem "improvisierten polyphonischen Chor" verglichen[15] , man könnte auch sagen: mit einem Free Jazz Orchester oder einem Judo Club. Was einen Chor, ein Orchester oder einen Judo Club zusammenhält, ist ja das gemeinsame Streben aller nach der Vortrefflichkeit eines jeden - und umgekehrt. Die Vortrefflichkeit des Ganzen hängt von der Vortrefflichkeit eines jeden ab und vice versa.

"Wettbewerb" dient nicht dazu, die Schwächeren auszuscheiden, sondern es jedem zu erlauben, sein Können an dem der anderen zu messen und das gemeinsam zu erreichende Niveau womöglich zu erhöhen.

Eine Gesellschaft, in der alle von jedem erwarten, dass er oder sie ihre künstlerischen, sinnlichen, kognitiven usw. Fähigkeiten weiterentwickelt und dafür die Mittel, Gelegenheiten und menschliche Unterstützung bereitstellt, steht in radikalem Gegensatz zu einer von Leistungs- und Verwertungszwang beherrschten Gesellschaft, ist aber dennoch in der gegenwärtigen Entwicklung potenziell angelegt.

9. Selbstentwicklungsarbeit

Die sich entwickelnde Netzwerk- oder "quaternäre" Ökonomie beruht auf miteinander vernetzten Unternehmen und Territorien. Jedes Unternehmen ist territorial mit komplementären Unternehmen vernetzt und das territoriale Netzwerk mit anderen in transterritoriale oder globale Netzwerke eingebunden. Die Produktivität der Unternehmen hängt weitgehend von den kooperativen und kommunikativen Kompetenzen der Akteure ab, ihrer Fähigkeit, eine Situation zu überblicken, schnell zu urteilen und zu entscheiden, für neue Ideen offen zu sein, neue Kenntnisse zu erwerben. Die Produktion und Produktivität beruhen auf "Leistungen", die nicht mehr mit dem Maßstab der Arbeitszeit messbar sind. Sie mobilisieren ein "Wissen", das sowohl aus Fachkenntnissen als auch aus informellen persönlichen Fähigkeiten besteht. Diese Fähigkeiten lassen sich nicht in Ausbildungskursen erwerben. Man erwirbt sie vielmehr in spielerischen, künstlerischen, sportlichen Aktivitäten vor und außerhalb der Arbeit und entwickelt sie dann innerhalb der Arbeit weiter. Es kommt immer öfter zu einer Synergie zwischen Arbeit und persönlicher Entwicklung. Die Produktivität der unmittelbar produktiven Arbeit hängt von der Entfaltung persönlicher Fähigkeiten ab, d.h. von der "Selbstentwicklungsarbeit", die eine Person als Selbstzweck übt. Diese Selbstentwicklungsarbeit ist im Leben von vielen - bald von den meisten - zeitaufwändiger und für sie selbst wichtiger als die geleistete unmittelbare Produktionsarbeit. Letztere wird (es gibt diesbezüglich in Frankreich eine Reihe von Umfragen) von der Mehrzahl der gut ausgebildeten Erwerbstätigen als das Mittel angesehen, das außerberufliche Aktivitäten der Selbstentfaltung und Sinnsuche erlauben soll. Die obige Charakterisierung der "Wissensgesellschaft" entspricht den spontanen Vorstellungen vieler.

Sobald die unmittelbare Arbeit von Fähigkeiten abhängt, deren Entwicklung und Weiterentwicklung mehr Zeit benötigt als die unmittelbare Arbeit selbst, entsteht zwischen der subjektiven Realität der Arbeit und dem kapitalistischen Verwertungszwang eine Spannung, in der der ursprüngliche Gegensatz von lebendiger Arbeit und Kapital sich in neuen Weisen wieder ausdrückt. Die Forderung, ja das Bedürfnis nach einem nicht mehr an der unmittelbaren Arbeitszeit bemessenen Einkommen ist bereits heute sehr plausibel. Der Kapitalismus trägt dieser Tatsache auf seine eigene Weise Rechnung, wenn er die Aus- und Weiterbildung der Arbeitnehmer mindestens zum Teil entlohnt. Aber er trägt der Tatsache nicht Rechnung, dass die im Produktionsprozess verausgabte Arbeitskraft nicht nur reproduziert, sondern auch produziert werden muss und dies nicht nur vom Unterrichts- bzw. Ausbildungssystem, sondern auch durch die informelle Erziehungs- und Selbstentwicklungsarbeit, welche allein den Überschuss an menschlichen Fähigkeiten zu entwickeln vermag, von welchem kritisches Urteilsvermögen, Kreativität, Lernfähigkeit usw. abhängen. Ohne diesen Überschuss würde der funktional für die unmittelbare Produktionsarbeit ausgebildete Mensch sich nicht von Menschmaschinen unterscheiden.

Das bedingungslose Recht auf Bildung, Weiterbildung, Zugang zu allem Wissen kann allein in Verbindung mit dem bedingungslosen Recht auf ein ausreichendes Grundeinkommen oder "Existenzgeld" effektiv werden. Ich hebe dessen Bedingungslosigkeit hier aus folgendem Grund hervor: Solange das Recht auf ein Grundeinkommen von der Leistung allgemein als nützlich anerkannter Tätigkeiten abhängt, werden von ihm Pioniere der Forschung, der Innovation, der Künste usw. ausgeschlossen. Denn die Arbeiten von Pionieren, Schöpfern, Künstlern weichen immer ab und müssen immer abweichen von den existierenden allgemein anerkannten Standards. Sie können nicht "an einem vorgegebenen Maßstab" gemessen werden.

Allein ein bedingungsloses Grundeinkommen kann allen, die Selbstentwicklungsarbeit ermöglichen, die sich als Selbstzweck gilt. Ohne bedingungsloses Recht auf Selbstentwicklung kann es keine Wissensgesellschaft geben.

Natürlich kann ein ausreichendes bedingungsloses Grundeinkommen nicht von heute auf morgen eingeführt werden und auch nicht allein zu einer Wissensgesellschaft führen. Letztere erfordert Rahmenbedingungen, eine neuartige Währungspolitik[16] , Zwischenschritte, auf die ich hier nicht näher eingehe. Allein das Ziel und die Richtung sind hier wichtig.[17]

10. Jenseits von Markt, Geld und Eigentum

Menschliche Selbstentwicklung ist nicht eine Quelle des Reichtums und ein Mittel unter anderen zur Schöpfung von Reichtum. Sie ist die Schöpfung von Reichtum selbst, Reichtum an Fähigkeiten, Genüssen, Kreativität, Lebendigkeit... . Es handelt sich hier um einen Reichtum, der an keinem vorgegebenen Maßstab messbar ist, dessen "Wert" nicht quantifiziert, vergeldlicht und verrechnet werden kann. Selbstentwicklungsarbeit ist nicht auf ein Quantum "einfacher", "abstrakter" Arbeit reduzierbar, noch vergleichbar und austauschbar mit anderen Arbeiten. Sie gilt sich als Selbstwert und Quelle von Selbstwerten, wirkt aber zugleich als Quelle von Produktivkraft im sozialen Produktionsprozess. Die Unmöglichkeit, sie selbst und ihre Leistung zu messen und gegen den in Geld ausgedrückten Tauschwert von Waren zu verrechnen, destabilisiert das Wertgesetz und eröffnet die Perspektive einer Ökonomie jenseits der auf Warenproduktion und den Austausch von Äquivalenten aufgebauten kapitalistischen Wirtschaft. Sie schärft die Aufmerksamkeit für alle nicht miteinander austauschbaren, nicht messbaren Formen des Reichtums, die ebenfalls nicht gegeneinander verrechnet werden können: namentlich die Natur, die vom ökonomischen Standpunkt aus Produktivkraft, vom ästhetischen Standpunkt aus Selbstwert und vom sozialen Standpunkt aus Gemeingut ist. Das Gleiche kann für die verschiedenen Formen von Wissen gesagt werden.

Im Unterschied zum einzigartigen künstlerischen Können ist formelles Wissen immer ein Ergebnis von gesamtgesellschaftlicher Zusammenarbeit und universalem Verkehr. Seinem sozialen Wesen gemäß gilt es als Gemeingut und verlangt als solches allen zugänglich zu sein, um je nach Bedarf in besonderen Weisen eingesetzt und weiterentwickelt zu werden. Es kann beinahe kostenlos vervielfältigt, weg- oder weitergegeben werden, geteilt oder mit anderem Wissen kombiniert werden, ohne dadurch an (Gebrauchs)Wert zu verlieren. Ganz im Gegenteil : je mehr Menschen am Tausch und Weitergeben von Wissen teilnehmen, um so größer wird das Wissen an dem jeder teilhaben kann.

Gemäß diesen Prinzipien funktionieren auch die virtuellen kooperativen Wissensgemeinschaften, die im Internet freie Software mit offenem Quellcode benützen. Die Programmiersprache, in der die Software ursprünglich konzipiert wurde (hauptsächlich der Quellcode GNU) ist allen bekannt und die Software (hauptsächlich die von Linux) kann folglich von allen Teilnehmern geändert, ergänzt und weiterentwickelt werden. Je größer die Anzahl der Teilnehmer, um so größer das vergemeinschaftete Wissen und der Gebrauchswert des Systems für jeden. Es entsteht eine "anarcho-kommunistische Ökonomie des Gebens" ("an anarcho-communist gift economy"), sagt Richard Barbrook, "als einzige Alternative zur Herrschaft des Monopolkapitalismus".[18] Man kann in ihr den Ansatz zu post-kapitalistischen Produktionsverhältnissen sehen, in welchen Gebrauchswerte nicht mehr als Waren erzeugt und getauscht werden: in denen Wissen als Gemeingut der Menschheit allen zugänglich ist; in denen mit den Warenbeziehungen auch der Konkurrenzkampf und der Zwang zur Leistungsmaximierung aufgehoben ist; in der die Qualität der Gebrauchswerte, der Genüsse, der Bedürfnisbefriedigung und der sozialen Beziehungen zum entscheidenden Ziel erhoben, die Ideologie des "mehr ist besser" zugunsten einer Ethik des "genug ist genug" austreiben kann.

Eine derartige Vergesellschaftung der Produktivkraft Wissen kann als neuzeitliche Form der "kollektiven Aneignung der Produktionsmittel" angesehen werden. Die auf diese Weise produzierten Gebrauchswerte können bestimmt und getauscht werden, ohne als Waren behandelt mit Geld bezahlt zu werden. Anstatt die Bestimmung von Nützlichem und Unnützem dem Markt zu überlassen, "würde man vorher untereinander klären und verabreden, was wie und wozu zu produzieren sei", bemerkt Walter Göhr.[19] Er zitiert diesbezüglich einen Wirtschaftsfachmann vom MIT: "Die Linux-Gemeinde (...) ist ein Modell einer neuen Arbeits- und Geschäftsorganisation, die zu einer neuen Art des Wirtschaftens führen könnte... Diese elektronisch verbundenen "freelancers" treffen sich in veränderlichen und vorübergehenden Netzen, um Güter und Dienstleistungen herzustellen und zu verkaufen (...) Es ist nicht undenkbar, dass diese für die Arbeit im 21. Jahrhundert so bestimmend sein wird, wie es die Industrieorganisation im 20. Jahrhundert war. Geschieht das, so haben sich Arbeit und Gesellschaft für immer verändert... Mit der Einführung von leistungsfähigen PCs und von Breitbandnetzen - den Koordinationstechniken des 21. Jahrhunderts - ändert sich die ökonomische Gleichung. Weil viele Leute an vielen Orten die gleiche Information billig nutzen können, sinkt der Wert zentralisierter Entscheidungen und aufwendiger Bürkratien. Die Individuen können sich selbst managen...".[20]

Aus zwei Gründen darf man diese Ausführungen nicht einfach belächeln:

  1. Die "Linux-Gemeinde" wurde gegründet, um das Monopol des von den Börsen und Regierungen weltweit umworbenen Bill Gates zu brechen. Es galt, den zahlungspflichtigen patentierten Microsoft-Zugang zum Internet mit einem kooperativ entwickelten und kostenlos verwendbaren Navigationsystem zu bekämpfen. Dies ist der "Linux-Gemeinde" gelungen. Ihr System hat die Überlegenheit der "freien" kooperativ entwickelten Software bewiesen, aber auch alle Welt darauf aufmerksam gemacht, dass um Wissen finanziell zu verwerten, das Kapital es als privates Eigentum behandelt und als Ware vermarktet. Dieser Wissenskapitalismus führt zu keiner Wissensgesellschaft.
  2. Gegen den Wissenskapitalismus sind nicht blauäugige Utopisten ins Feld gezogen, sondern angehörige der "Wissenselite", d.h. Leute, die über die wichtigsten Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen. Ein radikal-libertärer Antikapitalismus kommt "von oben" her, ohne jeglichen Machtanspruch, von Inhabern des "Wissenskapitals", das sie im Namen der Freiheit dem Zugriff des Geldkapitals entziehen wollen. Sie verfolgen dasselbe Ziel, das früher im Klassenkampf erreicht werden sollte: nämlich "die kollektive Aneignung der Produktionsmittel", die Sozialisierung der Produktivkräfte. Sie säen die Samen eines neuen Links-Radikalismus, der selbstverständlich nur Grund gewinnen kann, wenn er - wie in Seattle - alle diejenigen verbinden und verbünden kann, die gegen die vom globalen Finanzkapital betriebene Globalisierung einen globalen Kampf für eine alternative Globalisierung führen.

Fußnoten

  • [1] Das Zeitalter des Access. Die neue Kultur des Hyperkapitalismus, in der alles Leben aus eingekauften Erlebnissen besteht. Titel der deutsche Ausgabe: Jeremy Rifkin, Access. Das Verschwinden des Eigentums. Warum wir weniger besitzen und mehr ausgeben werden. Frankfurt/M., 2000.
  • [2] Ernst Jünger, Das Sanduhrbuch, FfM 1954, S. 194 f. Zitiert in Robert Kurz, Schwarzbuch des Kapitalismus, Eichborn, FfM. 1999, S. 569.
  • [3] Vgl. Karl Marx, Grundrisse..., S. 387: "Wenn die bornierte bürgerliche Form abgestreift wird, was ist der Reichtum anderes, als die im universellen Austausch erzeugte Universalität der Bedürfnisse, Fähigkeiten, Genüsse, Produktivkräfte etc. der Individuen?... Das absolute Herausarbeiten (ihrer) schöpferischen Anlagen, ohne andere Voraussetzung als die vorhergegangene historische Entwicklung, die diese Totalität der Entwicklung, d.h. der Entwicklung all der menschlichen Kräfte als solcher, nicht gemessen an einem vorgegebenen Maßstab, zum Selbstzweck macht?"
  • [4] Edmund Husserl, Die Krise der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Philosophie, Philosophia, Belgrad, 1936, 9 h), S. 125.
  • [5] a.a.O., 9 g), S. 121.
  • [6] a.a.O., 9 h), S. 127.
  • [7] a.a.O., 9 i), S. 129.
  • [8] Vgl. Adorno/Horkheimer, Dialektik der Aufklärung und, ausführlicher, A. Gorz, Kritik der ökonomischen Vernunft, Hamburg, 1989/1994, s. 126 ff.
  • [9] Vgl. Arno Bammé u.a., Maschinen-Menschen, Mensch-Maschinen, Grundrisse einer sozialen Beziehung, Reinbek, 1983, S. 69 ff.
  • [10] Ray Kurzweil, The Age of Spiritual Machines, Phoenix, London, 1999; Hans Moravec, Mere Machine to Transcendent Mind, Oxford University Press, New York, 1999; Bill Joy, Why the Future Doesn't Need us, Wired 8.04, April 2000.
  • [11] Vgl. Dan Schiller, in Cutting Edge, London, Verso, 1996, S. 116: "in biotechnology the effort revolves around supplanting a ,text' with the inborn capacity to reproduce itself without human intervention with one that is sterile and therefore cannot."
  • [12] In Schweden haben beide Elternteile zusammen ein Anrecht auf ein Jahr Erziehungsurlaub für jedes Kind, mit 80 % (früher 90%) Lohnausgleich. In der ehemaligen CSSR waren für Mütter drei Jahre Erziehungsurlaub mit vollem Lohnausgleich die Regel.
  • [13] Pierre Lévy, World Economy, Odile Jacob, Paris 2000, S. 82 ff.
  • [14] Vgl. Terry Winograd und Fernando Flores, Erkenntnis, Maschinen Verstehen, Rotbuch Rationen, Berlin, 1989, insbesondere Kapitel 5 und 6
  • [15] S. Pierre Lévy, L'Intelligence collective, Paris: La Découverte, 1997.
  • [16] Sie kann nicht als Sekundäreinkommen durch Umverteilung finanziert werden, sondern nur als Primäreinkommen. Vgl. aber diesbezüglich meine Antworten in Blätter für deutsche und internationale Politik 5, Mai 2000, S. 616.
  • [17] Einer der Zwischenschritte könnte das gegenwärtig in Frankreich diskutierte Anrecht eines jeden auf 20 Jahre Bildungsgeld sein, von denen 10 nach Schulabschluss zu beliebigen Teilen, für beliebige Zwecke und in jedem Alter verwendet werden können. Claus Offe hat Ähnliches vorgeschlagen.
  • [18] Richard Barbrook, The high-tech gift economy, in: New Times, Londen, 16. Januar 1998.
  • [19] Walter Göhr, Auf dem Weg zum Nintendo-Sozialismus. Express, Offenbach, 1/2001.
  • [20] Thomas Malone/Robert J. Lautbacher: The Dawn of the E-lance Economy, in A.W. Scheer/M. Nüttgens (HG.), Electronic Business Engineering. 4. Internationale Tagung Wirtschaftsinformatik, 1999, Heidleberg, S. 14. Übersetzung und Hervorhebung von Walter Göhr.

André Gorz: Welches Wissen? Welche Gesellschaft?
Textbeitrag zum Kongress "Gut zu Wissen", Heinrich-Böll-Stiftung, 5/2001


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