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Governance of Science

Die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung finden heute Eingang in nahezu alle Lebensvollzüge und treiben deren Artifizialisierung voran. Forschung hat das Labor verlassen bzw. hat das Labor auf die gesamte Gesellschaft ausgedehnt und damit den Modus des risikobereiten und irrtumswahrscheinlichen Experimentierens generalisiert. Je mehr unser Leben auf wissenschaftlichem Wissen beruht, desto unsicherer wird es, desto weniger können wir von der Zukunft wissen und desto ungewisser wird die Zukunft. Das Band zwischen Herkunft und Zukunft wird aufgelöst und der Common Sense büßt seine orientierende Kraft ein. In dieser Situation steht die gesellschaftliche Selbststeuerung - als demokratische Selbststeuerung der Gesellschaft und als Steuerung wissenschaftlichen Forschens und Experimentierens - vor völlig neuen Aufgaben.

Politik & Wissenschaft: Politik hat heute eine besondere Beziehung zur Wissenschaft. Sie ist Risikomanagement und stützt sich hierbei wissenschaftliche Expertise. Politik kennt weniger denn je die Zukunft, dennoch muss sie - gestützt auf wissenschaftliche Beratung, Zukunftsforschung und wissenschaftliches Risikokalkül - entscheiden, welche Zukunft sie für vertretbar hält und welche der umlaufenden Traditionen (auch anthropologischen Leitbilder) sie als Vergangenheit der von ihr antizipierten Zukunft wählt.

Wissenschaft und Beruf: Die Dynamik der Diffusion wissenschaftlichen Forschens und wissenschaftlicher Erkenntnis in das gesellschaftliche Leben wird heute vor allem durch marktmäßige Anreize und den Anstoß zu marktmäßigem Verhalten entfacht: Evaluationsparameter wie Impactfactor und Anzahl der angemeldeten Patente forcieren die Marktorientierung ebenso wie die umfassende Umstellung auf die Projektförderung und drängen traditionelle und berufsethische Haltungen wie Wahrheitsorientierung, ungehinderte und umfassende Dissemination der wissenschaftlichen Erkenntnisse in den Hintergrund.

Wissenschaft und Sicherheit: Die public domain der Wissenschaft bzw. wissenschaftlicher Daten und wissenschaftlichen Wissens gerät heute mehr und mehr unter den Druck privatwirtschaftlichen Kalküls und privatwirtschaftlicher Eingrenzungen. Treffend spricht man in den USA vom sog. second enclosure der public domain und zugleich von der Verabschiedung des Popper/Kuhnschen-Paradigmas einer gemeinwohlorientierten wissenschaftlichen Arbeit unter der (finanziellen und planenden) Obhut des Wohlfahrts- oder Sozialstaates. Doch diese public domain gerät auch von Seiten der Politik unter Druck, nämlich dort, wo Politik sich als souveräne staatliche Entscheidung über den Ausnahmezustand, als Garant des Fortbestandes einer Nation als Schicksalsgemeinschaft im Augenblick ihrer Gefährdung versteht. In diesem Augenblick wird die Dissemination der Ergebnisse des risikobereiten und irrtumswahrscheinlichen Forschens eingeschränkt. An die Stelle der Aussicht auf Innovation und Marktwachstum, z.B. auf verbesserte Chancen biotechnischer Selbstkontrolle der neuen Biokapitalisten, tritt dann die Warnung vor der Demokratisierung des Bösen (der riskanten Forschung, die in der Ära des Sozialstaates unter staatlicher Aufsicht stand), an die Stelle des freien Zugangs zu Wissens treten strikte Sicherheitsbestimmungen, die die Freiheit der Wissenschaft dem höherrrangigen Ziel des Überlebens der Nation unterordnen. Diese von Ray Kurzweil und Bill Joy angestoßene Debatte hat seit dem Terroranschlag vom11. September in den USA konkretere Gestalt angenommen: in der Denkschrift des US National Research Council "Making the Nation safer" und zahlreichen Plänen einer engen sicherheitspolitischen Verzahnung von Staat und Forschungseinrichtungen. Ob sich darin bereits ein erneuter Paradigmenwechsel abzeichnet, der wieder zum Modell der " big sciences" des welfare state zurückführt, ist unklar. Untersuchenswert ist diese sicherheitspolitische Verknüpfung von Staat und Wissenschaft allemal.

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