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Claus Leggewie

Demokratisierung der Expertise über Internetdiskurse?

Das Internet eröffnet Möglichkeiten zu einer neuen Konstellation zwischen politischen Eliten, Experten und "Mensch auf der Straße". Seine Politisierung wird in Deutschland meist unter folgenden Gesichtspunkten diskutiert:

  • im Sinne des klassischen Interventions- und Protektionsstaates werden Eingriffe in die überbordende Meinungsfreiheit erwogen (Stoiber/Schily/Däubler-Gmelin), vor allem in Sachen Pornographie, Cyberterror, Rechtsradikalismus
  • zu einer Modernisierung der Verwaltung wird der schlanke Staat eingerichtet (digitale Rathäuser und Signatur).
  • im Sinne der Wirtschaftsförderung (D 21, Forum Informationsgesellschaft) wird der e-commerce unterstützt, auch manche bildungspolitische Maßnahmen (teleteaching) gehen in diese Richtung.

Was fehlt, ist eine Zivilisierungsperspektive, also die Befestigung einer zivilgesellschaftlichen Öffnung der Wissens- als Risikogesellschaft, für die ich im folgenden einige Vorschläge mache.

Zwei Dimensionen demokratischer Legitimität

Output-Legitimität achtet vor allem auf die Qualität von Steuerungsleistungen und Regierungsentscheidungen (Helmut Kohl: "Wichtig ist, was hinten herauskommt."), wobei zunehmend subjektive Mängel und objektive Restriktionen beklagt werden.

Claus Leggewie
ist Professor für Politikwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Von 1995 bis 1997 war er erster Inhaber des Max Weber-Chair an der New York University.
Veröffentlichungen (Auswahl): Amerikas Welt. Die USA in unseren Köpfen. Hamburg 2000; Von Schneider zu Schwerte. Das ungewöhnliche Leben eines Mannes, der aus der Geschichte lernen wollte. München 1998; America first? Der Fall einer konservativen Revolution, Frankfurt a.M. 1997; Die 89er. Portrait einer neuen Generation. Hamburg 1995.

Jenseits der Unfähigkeit beziehungsweise Eigennützigkeit der politischen Elite (oder Klasse) sind säkulare Kontroll- und Steuerungsverluste des Nationalstaats zu verzeichnen, die durch regionale oder supranationale Politik nicht kompensiert oder durch "Politik-verflechtung" noch vermehrt werden.

Input-Legitimität bemisst sich am Grad der Mitwirkung der allgemeinen Bürgerschaft bei politischen Entscheidungen. Partizipation gilt hier als Wert an sich, indem individuelle Selbstbestimmung und eine vitale politische Kultur gewährleistet werden und Minderheiten zu Wort kommen können. Darüber hinaus soll die breite Mitwirkung von Laien Konsenschancen erhöhen und freiwillige Kooperation erleichtern, also die Akzeptanz politischer Entscheidungen erhöht.

Bei der Evaluation internetgestützter (ITA-)Diskurse kann man im Sinne "deliberativer Demokratie" (government by discussion) davon ausgehen, dass breite Mitwirkung an der Vorbereitung und Implementation kollektiv verbindlicher Entscheidungen nicht nur deren Akzeptanz erhöht, sondern auch die Qualität des Regierens besser wird. In der kommunalen Politik ist seit langem der "sachkundige Bürger" verankert, auch in "Planungszellen" kommt die Urteilskraft von Laien zur Geltung.

Experten- und Laiendiskurse

Output-orientierte Politik wünscht die Ausrichtung der politischen Generalisten am Expertenwissen; mögliche Friktionen sind demnach eher die "Machtspiele" der Politik als die Beschränktheit jeder Expertise. Doch das Vertrauen ist mittlerweile gesunken, ironischerweise durch die Inflation widersprüchlicher Expertisen. Fachleute werden neuerdings als "Mitforscher" (Callon u.a.) auf der gleichen Stufe wie Konsumenten, Bürger und Aktivisten angesiedelt. Auch wenn deren Sachkompetenz fraglich bleibt, haben (meist auf Gegen-Expertisen gestützte) Interventionsmöglichkeiten "von unten" zugenommen, worauf politische Eliten Rücksicht nehmen müssen: "Keine Innovation ohne Repräsentation!" (Latour). Auch wenn der Laiendiskurs konzeptionell aufgewertet wurde, bleibt er durch rechtliche und faktische Beschränkungen des Zugangs zu Informationen, durch die strukturelle Passivität moderner Massenkommunikationsmittel und vor allem motivational eingeschränkt. Nur wenige Bürger sind bereit, mehr als bloß episodisch am Entscheidungshandeln teilzunehmen.

Politische Diskurse - real und virtuell

Sind dadurch bereits Zahl und Qualität der politischen Realdiskurse beschränkt, sollen nach allgemeinem Urteil virtuelle Diskurse noch enttäuschender verlaufen. Zu unterscheiden sind hier allgemeine und spezialisierte Diskurse. Aus offenen Diskussionsforen weiß man, dass Teilnehmer weniger an Informationsaustausch (Responsivität) interessiert sind als an Informationsverbreitung und Unterhaltung. Es kommunizieren dort vornehmlich homogene Gruppen, die sich gegenseitig stützen und ihre Informationskosten senken. Flaming und Argumente ad hominem sind gebräuchlich, während Grundsätze der rationalen Debatte (auf Wahrheit orientiert, intersubjektiv, zielführend) zu wenig beachtet werden. Selten erreicht der Diskurs die entsprechende Tiefe und Dauer, die Orientierung auf (gemeinsame) Problemlösung ist zu gering, die Netzwerke bleiben ephemer. Es besteht ein tiefer Graben zwischen dem, was mit den neuen Medien interaktiv möglich ist, und dem, was tatsächlich geschieht.

Allgemeine Internet-Diskurse funktionieren eher in Ausnahmesituationen, wenn sich oppositionelle Gruppen artikulieren und Protest via Internet organisiert wird. Die good-practice Analyse hat allerdings gezeigt, dass gezielte Moderation und erleichterte Navigation aus den vermeintlichen Übeln, Anonymität und Homogenität, auch Vorzüge machen. Zwar kann die bereits in nicht-interaktiven Medien angelegte solipsistische Tendenz durch die Anonymität der Netzkommunikation gesteigert werden; aber man kann auch leichter von den speziellen Eigenschaften einer Person absehen und die Qualität von Argumenten gelten lassen. Was die Homogenität anbetrifft, kann man Intergruppen-Dialoge organisieren. Insgesamt können Verbindlichkeit und Verantwortlichkeit von Internet-Diskursen gesteigert werden, wenn ein echter Entscheidungsbezug vorliegt und konkrete Konfliktlösungs-Schemata angeboten respektive Mediationen eingebaut werden.

Demokratisierung von Expertise

Aus den Stärken und Schwächen allgemeiner Diskussionsforen ist zu lernen, wie Experten-Diskurse, die in der Regel stark strukturiert und sachlich geschlossen sind, mit allgemeinen Diskursen verkoppelt werden können. Die Netzarchitektur erlaubt eine solche Koppelung besser als herkömmliche Massenmedien. Wenn sich die Betreiber und Teilnehmer von virtuellen Diskursen an den Kommunikationsformaten von Massenmedien orientieren, überwiegen die oben genannten Nachteile und der demotivierende Eindruck von "Informationsmüll" und "Diskussionsschrott". Sobald die Feineinstellungen "individualisierter Massenkommunikation" berücksichtigt werden, erlauben computergestützte Diskurse eine gezielte Dosierung zwischen (technischen) Experten-, (politischen) Eliten- und Laiendiskursen. Eine solche Verklammerung ist bei allen aktuellen Technikanalysen dringend geboten.


Claus Leggewie: Demokratisierung der Expertise über Internetdiskurse?
Beitrag zum Kongress "Gut zu Wissen", Heinrich-Böll-Stiftung, 5/2001


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