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Benjamin R. Barber

Die ambivalenten Auswirkungen digitaler Technologie auf die Demokratie in einer sich globalisierenden Welt

Einleitung

Man hat die Technologie der Telekommunikation von Anfang an als einen Motor der Demokratie betrachtet: Jede Innovation, die die Kommunikation befördert, befördert auch eine Politik, die in der Macht des Wortes fundiert ist. Seit einiger Zeit hat diese Technologie auch die Globalisierung vorangetrieben, indem sie die Grenzen durchlässig gemacht und die kirchturmpolitischen Beschränkungen untergraben hat, die die nationalen Wirtschaften voneinander trennten. Mit ihrer Förderung der Globalisierung kann die Technologie aber zugleich die Demokratie unterminieren: indem sie die nationale Souveränität gefährdet, die immer die natürliche Freistatt der Demokratie gewesen ist.

Benjamin R. Barber
ist Professor für Politikwissenschaften an der University of Maryland. Er arbeitet als Politikberater in den USA und in Europa und war unter anderem für Bill Clinton, Roman Herzog, das Europäische Parlament und die UNESCO tätig.
Veröffentlichungen (Auswahl): Demokratie im Würgegriff. Kapitalismus und Fundamentalismus - eine unheilige Allianz, Frankfurt/M. 1999; Coca-Cola und Heiliger Krieg. Wie Kapitalismus und Fundamentalismus Demokratie und Freiheit abschaffen, Bern/ München/ Wien 1996; Starke Demokratie. Über Teilhabe am Politischen, Hamburg 1994; A Place for Us : How to Make Society Civil and Democracy Strong, 1998 ; A Passion for Democracy, Princton 1998.

Die meisten Diskussionen über den Schnittpunkt von neuer Telekommunikationstechnologie mit globaler Demokratie waren ergebnislos, wenn auch nur, weil diejenigen, die sich in der Technologie auskennen, wenig von Demokratie verstehen und die Fachleute für Demokratie jämmerlich unwissend sind, was Technologie angeht. Dennoch ist keine Diskussion entscheidender für die Zukunft der Demokratie als diejenige über die Frage: "Werden die neuen Technologien, die die Globalisierung getragen haben, die Demokratie stärken oder schwächen?" Kategorien wie "Teledemokratie" und "virtuelles Gemeinwesen" erscheinen uns sehr griffig. Aber ihre Bedeutung zu entschlüsseln, erfordert nicht nur Auffassungsgabe für die Technologie, sondern ein tieferes Verständnis für Begriffe wie Gemeinwesen und demokratische Regierungsform, als es diejenigen normalerweise zeigen, die vom elektronischen Grenzland der Demokratie fasziniert sind. In der Tat können wir die Frage "Wie beeinflußt Technologie die Demokratie?" nur beantworten, wenn wir den Charakter und das Wesen der Demokratie selber verstehen: etwas, was zu oft für selbstverständlich gehalten wird. Bevor ich aber den problematischen Versuch mache, Demokratie zu definieren, möchte ich einige Einwände vorbringen, die das allgemeinere Problem der Technologie betreffen - denn auch hier gehen wir oft von zweifelhaften Voraussetzungen aus.

Vier Einwände

Ungleichzeitiger Fortschritt

Der erste Einwand, den wir uns ansehen müssen, ist der, daß die neuen Technologien, von denen hier die Rede ist - IT (Informationstechnologie), Digitaltechnologie, Computertechnologie und das Internet -, in keiner Weise global sind. Weil sie in den wohlhabenden Teilen der entwickelten Welt sehr weit verbreitet sind, neigt man leicht dazu, ihre Verbreitung anderswo und damit ihren Einfluß zu überschätzen. Der größte Teil der Welt wird immer noch von traditionellen Medien beherrscht. Es sind noch immer Zeitungen, Radio, Fernsehen und Regierungspropaganda, die für die meisten Menschen das Informationssystem ihres Lebens bilden. Für sie werden die Kernfragen von Demokratie und Tyrannei, Zensur und freier Rede mehr auf dem Feld von Rundfunk, Fernsehen und Presse entschieden als auf dem der neuen Medien. Ironischerweise hat die Armut viele Gesellschaften zwar von den Erfolgen und Vorteilen, ebenso aber von den Auswüchsen abgeschnitten, die mit den neuen Technologien verbunden sind. Mehr als fünf Prozent der Amerikaner haben immer noch kein Telefon, und in den verschiedenen Gesellschaften der entwickelten Welt hat jeweils nur eine kleine Fraktion Zugang zum Internet.

Das beschleunigte Entwicklungstempo (Murphy's Law)

Dennoch (und dieser zweite Einwand schwächt die Wirksamkeit des ersten) machen die neuen Technologien nicht nur einen schnellen Wandel durch, sondern reagieren selber auf Kräfte, die geometrische Steigerungsraten in der Entwicklung erfordern. In den letzten beiden Jahrhunderten hat es mehr grundlegende technologische Veränderung gegeben als in den zwei Jahrtausenden davor. Die Verkleinerung und die Geschwindigkeit der Mikroprozessoren schreiten im selben Tempo voran und drücken das Gewicht und den Preis elektronischer Produkte nach unten, während zugleich ihre Effizienz und ihre Schnelligkeit wachsen. Unter diesen Umständen wird jede verallgemeinernde Aussage zur Technologie schon den morgigen Tag vermutlich nicht überleben. Darüber hinaus bedeutet der schnelle Wandel, daß diejenigen, die bei den Fortschritten von gestern noch ausgespart wurden, die wahren Nutznießer von heute sein könnten, weil sie eine Technologie überspringen, die die "entwickelteren" Gesellschaften belastet. Afrika ist nicht verkabelt worden, mag aber als Folge davon den Sprung ins drahtlose Telefonzeitalter schneller und problemloser schaffen als all die verdrahteten Gesellschaften in Europa und Nordamerika.

Der Generationstrugschluß

Ein dritter Einwand betrifft das, was ich den Generationstrugschluß nennen möchte. In der Geschichte technologischer Prozesse ist er von Anfang an präsent. Die Schöpfer neuer Technologien belasten diese mit all den Urteilen, Wertungen und Voreingenommenheiten, die sie bei der Nutzung älterer Technologien erworben haben und mit denen sie aufgewachsen sind. Sie gehen bei den neuen Technologien von Annahmen aus, die in ihrer Erfahrung mit den alten wurzeln. Die ersten Autos waren buchstäblich "pferdelose Kutschen", deren Design und Nutzung die Ära des Pferdetransports zu parodieren schien. Heute sehen Wissenschaftler, die in Bibliotheken und in Verweissystemen voller Bücher und Zeitschriften ausgebildet wurden, im Internet ein wunderbares Forschungsinstrument. Für sie ist das Internet eine Ersatzbibliothek, ein zusätzliches Referenzsystem. Und selbstverständlich gehen sie davon aus, daß dies immer seine primäre Funktion sein wird. Aber unsere Kinder und Enkelkinder, aufgewachsen in der bilderreichen Kultur von Fernsehen und Internet, haben mit Büchern oder Bibliotheken wenig Erfahrung und werden andere Erwartungen an die neue Technologie herantragen. Vielleicht werden sie nie lernen, das Netz als Instrument zur Erschließung von Quellen zu benutzen, weil sie keine Erfahrung mit Quellen haben. Auf jeden Fall werden sie das Netz für ganz andere Zwecke nutzen. In einer wortzentrierten, auf Texten beruhenden Kultur aufgewachsen, betrachten wir das Internet als einen Ort für Wörter und Texte. Unsere Kinder und Enkelkinder aber, die in der Fernsehwelt von Symbolen und Bildern aufwachsen, werden es vielleicht primär als eine Quelle von Bildern und Symbolen ansehen, besonders, wenn der Breitbandschirm den Fluß der Bilder begünstigt. Im dahinrollenden Text könnten sie eher eine ziemlich primitive Nutzung der neuen Technologie sehen, so etwas wie einen hochfrisierten Turbotelegraphen. In der Tat hat unsere Generation eine Technologie geschaffen, deren Folgen wir nicht vorhersehen können, weil diejenigen, die sie benutzen werden, nicht mehr im kulturellen Bezugssystem unserer Generation aufgewachsen sind.

Technologie als Spiegel

Viertens und letztens - obwohl wir über Technologie gern als etwas nachdenken, was die Gesellschaft, von der sie geformt wird, radikal und absolut bestimmend verändert, tendieren neue Technologien zunächst eher zur Widerspiegelung als zur Veränderung der Kultur, die sie hervorgebracht hat. Auf lange Sicht mag es komplizierte Wechselbeziehungen zwischen technologischer Innovation und Zivilisation geben, aber zunächst wird technologische Innovation tendenziell durch den jeweiligen Charakter der Zivilisation bedingt. Der Gemeinplatz besagt, daß das Schießpulver während der Renaissance den Westen demokratisieren half, weil es die Bedeutung der militärischen Kenntnisse des Adels minderte, auf denen die bewaffnete Kriegsführung zu Pferd basierte, und damit die hierarchisch organisierte feudale Kuktur untergrub. Das ist wahr. Aber in China, wo das Schießpulver erfunden wurde, stärkte es die Macht der Mandarine und Tyrannen. Ähnlich förderten der Verbrennungsmotor und die Elektrizität in den Vereinigten Staaten das Automobil und führten zur Entwicklung des privaten Transportverkehrs mit dem entsprechenden System der Interstate Highways ebenso wie zum Wachstum der Vorstädte und der Arbeitsmobilität. In Europa waren dieselben Technologien Anstoß für die Ausbildung eines starken öffentlichen Transportsystems (der Eisenbahn) und für die Stärkung der städtischen Kultur. Es gibt keinen Grund zu glauben, daß es sich mit den neuen Technologien anders verhalten wird. Wenn die bestimmenden Momente der Gesellschaft demokratisch und zivil sind, und wenn Kultur und Erziehung wichtiger sind als andere persönliche Werte und Besitztümer, dann werden die neuen Technologien höchstwahrscheinlich zum Nutzen einer verbesserten Demokratie, eines gestärkten zivilen Diskurses und zur Verbreitung von Bildung und Kultur eingesetzt. Sind diese bestimmenden Momente aber vor allem kommerzieller, eigennütziger, materieller und konsumistischer Natur (wie es derzeit der Fall zu sein scheint), werden auch die Technologien kommerziell, eigennützig, materiell und konsumistisch sein. Die Technologie kann uns nicht vor uns selber retten; sie kann nur sehr deutlich widerspiegeln, wer wir sind.

Tatsächlich zeigen die gegenwärtigen Kennzeichen der Internettechnologie, die am eindrücklichsten sind, die Prägung der Technologie durch die gegenwärtige Kultur. Zugegeben, das Netz bietet ein Potential für Bildung, Kultur und gleichberechtigte Kommunikation, aber sein aktueller Zustand ist kommerziell bestimmt. Gewiß, es kann die Demokratie stärken und zu vielfacher Nutzung ebenso wie zum Wettbewerb ermutigen, aber seine heutige Realität, wie sie sich auf den Portalseiten, in der Art der Software und im Inhalt zeigt, ist monopolistisch. Klar, die Technik des Netzes ist offen und allgemein zugänglich, aber ihre aktuelle Nutzung ist so trennend und inegalitär wie die Gesellschaft drumherum. Das Netz kann nicht anders verfaßt sein als die Gesellschaft, die es hervorgebracht hat. Kann es irgend jemanden überraschen, daß das Internet zu über 95% kommerziell genutzt wird (ungefähr ein Viertel davon pornographisch)? Der Federal Communications Act von 1996 hat die neuen Technologien privatisiert und den Kräften des Marktes überlassen. Ihr egalitäres Potential wird überall durch die Ungleichheiten der Gesellschaft blockiert, eine "digitale Teilung", die kulturelle und ökonomische Barrieren aufbaut, wird unvermeidlich und gefährdet viele ärmere Amerikaner (und Millionen von Menschen in der ganzen Welt). Diesen Tendenzen könnte zwar durch das Potential entgegengearbeitet werden, das in einer die Gleichheit fördernden und allgemein zugänglichen Technologie angelegt ist, da aber die Ökonomie die Technologie beherrscht, blockieren das reale Monopol und die Ungleichheit auch die Möglichkeiten des Pluralismus und der Offenheit.

Die Spielarten der Demokratie

Nachdem ich diese Einwände ausgeführt habe, kann ich mich dem Verhältnis von Demokratie und Technologie zuwenden. Das Problem besteht natürlich darin, daß es so eine Sache wie "die Demokratie" schlicht und einfach nicht gibt. Es gibt nur Demokratien - verschiedene Spielarten von Demokratie, konkurrierende Theorien über direkte und indirekte, repräsentative und basisnahe, plebiszitäre und starke Demokratie. Auf welche Spielart beziehen wir uns, wenn wir über den Einfluß der Technologie auf die Demokratie nachdenken? Möglicherweise können Innovationen, die der einen Art dienen, einer anderen schädlich sein.

In den Vereinigten Staaten geht man grundsätzlich davon aus, daß Demokratie repräsentative Demokratie ist, also das, was ich "magere Demokratie" genannt habe, um es von partizipatorischer oder "starker Demokratie" abzusetzen - einer Regierungsform, die man mehr mit dem dezentralisierten partizipatorischen System der Schweiz assoziiert. In der repräsentativen Demokratie, wo sich die Staatsbürgerschaft auf das Wählen beschränkt, können normale Bürger sich leicht isoliert und an den Rand gedrängt fühlen. Einmal im Jahr ist die Wählerin frei; sie wählt und geht dann nach Hause und beobachtet und wartet! Für den Rest des Jahres führt sie ihr Privatleben als Konsumentin oder Kundin und überläßt ihren gewählten Vertretern das Regieren. Diese blasse und farblose Version der "mageren Demokratie" begünstigt oft Passivität und Zynismus. Die aktiven Bürger, die sich in ihrer Nachbarschaft, in Städten, Schulen und Kirchen engagieren und dabei soziales Kapitel und staatsbürgerliches Vertrauen entwickeln, können in diesem Nachtwächterstaat schwerlich gedeihen.

Die plebiszitäre Demokratie, in der Parteieliten und mächtige Führer fanatische, aber machtlose Untertanen manipulieren, um populistische Zustimmung zu ihrer Herrschaft zu erlangen, stellt zwar die partizipatorische Demokratie mimetisch nach - ihr fehlt aber die staatsbürgerliche Legitimation, und folglich stellt sie eine weitere Spielart der Demokratie dar. Mußolinis Faschismus und Perons Populismus nutzten Massenabstimmungen, um der Parteiherrschaft einen Anstrich von Legalität zu geben, indem sie die "Herrschaft des Gesetzes" in repräsentativen Demokratien bezweifelten, ohne wirklich die authentische partizipatorische Demokratie an ihre Stelle zu setzen.

Die Absicht dieses Repetitoriums elementarer Demokratietheorie besteht darin, deutlich zu machen, daß es kein einfaches 1:1-Verhältnis zwischen neuen Technologien und "Demokratie" geben kann, weil es keine einfache oder einzigartige "Demokratie" gibt, deren Grundzüge herausgearbeitet werden könnten. Ein mögliches Verhältnis gibt es nicht zwischen Technologie und Demokratie, sondern zwischen bestimmten Merkmalen der Technologie und bestimmten Merkmalen der verschiedenen Demokratiemodelle, die wir hier vorgestellt haben (es ließen sich noch andere hinzufügen). Zu den herausragendsten Zügen der neuen Technologie gehören ihre Geschwindigkeit (die neuen, digitalisierten, auf dem Computer basierenden Technologien sind schnell); ihre Einfachheit, ja sogar ihr einfacher Geist (die neuen Technologien denken reduziert und binär); ihre Förderung der Vereinzelung des Benutzers (die neuen Technologien können uns isolieren und atomisieren); ihre Bildhaftigkeit (die neuen Technologien ziehen Bilder und Töne dem Text vor, auch wenn sie heute noch primär auf Texten beruhen); ihre serielle Denkweise (die neuen Technologien bieten eher ein horizontales oder laterales Kommunikationsmedium an, Punkt für Punkt, als ein vertikales); ihre Bevorzugung von Information gegenüber der Gelehrsamkeit (die neuen Technologien privilegieren nackte Daten und Information gegenüber dem Wissen); ihre Unmittelbarkeit (als direktes Medium begünstigen sie nicht den sorgfältigen Umgang mit Texten); und ihre Aufsplitterung (die neuen Technologien teilen ihre Nutzer in Segmente, Bruchstücke und Gruppen anstatt sie als ein nationales oder kommunales Ganzes zusammenzuführen, wie es einmal das traditionelle Rundfunknetz tat).

Wir könnten den Komplex der Beziehungen, der durch die Wechselwirkung dieser drei Demokratieformen mit den acht Hauptzügen der neuen Technologien entsteht, durch ein Dreimalacht-Raster darstellen. Das würde uns aber vielleicht eher erdrücken als unser Verständnis befördern, obwohl es ein vollständiges Bild der Komplexität dieser Wechselwirkungen geben würde. Ich werde mich darauf beschränken, jeden dieser acht Aspekte im Hinblick auf eine oder zwei Formen der Demokratie kurz zu kommentieren.

Erfolge der Technologie - Fluch der Demokratie?

Lassen Sie mich mit dem beginnen, was der Hauptvorteil - und der Hauptfluch - der elektronischen Technologie ist. Die Kommunikation per Computer erfolgt buchstäblich mit Lichtgeschwindigkeit. Während der Amerikanischen Revolution brauchte es sechs Wochen, um "Nachrichten" nach England zu transportieren; die Antwort der Krone brauchte wiederum sechs Wochen, um nach Amerika zurückzukommen, das ergibt einen Nachrichtenkreislauf von etwa drei Monaten. Amerika erlangte seine Unabhängigkeit zum Teil durch die Langsamkeit der Kommunikationsprozesse; denn bei einem schnelleren Nachrichtenfluß hätten die Briten vielleicht sehr viel angemessener auf die Rebellion geantwortet als geschehen, und so möglicherweise ihre Kolonie "gerettet".

Heute erhalten wir von den laufenden Ereignissen praktisch zeitgleich Kenntnis - der Nachrichtenkreislauf bemißt sich eher in Minuten als in Tagen oder gar Wochen. Computer erlauben sofortige Kommunikation. Ist aber Geschwindigkeit jeder menschlichen Aktivität angemessen? Der Kultur? Dem Lesen? Demokratischen Beratungen? Im Hinblick auf eine Demokratie, die auf dem Gespräch und der Beratung beruht, kann das Gebot nur heißen: "Tempo drosseln!" Die Herausforderung der Demokratie im elektronischen Zeitalter besteht in der Frage, wie man auf der Datenautobahn Tempodellen installieren kann, also jene Furchen und Höcker, die man in Straßen einbaut, um die Geschwindigkeit zu drosseln. Demokratie braucht Zeit, Geduld, Überlegung, Gedankengänge und wiederholtes Nachdenken. Deshalb verlangt der parlamentarische Prozeß mehrere Lesungen eines Gesetzes, bevor es verabschiedet wird. Die Absicht dahinter ist, sich Zeit zu nehmen und nachzudenken, anstatt überstürzte Maßnahmen zu ergreifen. Chat rooms im Netz laden zu einem Instantdenken ein, das oft dazu führt, nicht überprüften Vorurteilen und unausgegorenen Meinungen freien Lauf zu lassen.

Die Herausforderung für die Technologie besteht in der Frage, wie man die technologische Gier nach Geschwindigkeit bremsen kann, ohne die Innovation zu beschädigen. Durchdachte Software wie die, die im neuen Pnyx-Unchat-Programm angeboten wird, zielt genau darauf - aber gerade auch, indem sie den größten Vorteil dieser Technologie zunichte macht. Was bedeutet das für die Demokratie? Es hängt davon ab, welcher Typ gemeint ist. Sowohl die repräsentative wie die starke Demokratie haben eher eine Abneigung gegen Geschwindigkeit, da sie Zeit und Geduld brauchen, um staatsbürgerliche Entscheidungen herbeizuführen. Aber wenn sofortige Abstimmung oder eine manipulierte Massenmeinung das Ziel sind - wie in der plebiszitären Demokratie -, dann ist Geschwindigkeit ein Aktivposten. In summa sagt die Technologie: "Beeil dich!", während die nachdenkliche Demokratie sagt: "Tempo drosseln!"

Das zweite für die Demokratie wichtige Merkmal digitaler Medien ist ihre Neigung zur Vereinfachung - zu binären Dualismen, die politisch betrachtet die repräsentative Demokratie stärken mit ihren Gewinn- oder Verlust-Wahlen, ihren Ja-oder-nein-Referenden und ihren Entscheidungen zwischen zwei großen Parteien. Dieser Hang zum Dualismus ist jedoch ein Problem für die starke Demokratie, die Multiple-Choice-Entscheidungen erfordert und damit auch die Komplexität, die solche Optionen mit sich bringen. Wo wir eher die Gemeinsamkeiten bei zwei entgegengesetzten Alternativen suchen als die nackte Entscheidung zwischen ihnen, eher Konsens oder wenigstens Nuancierung als eine klare Trennung, da können digitale Medien sich als problematisch erweisen.

Ein dritter Grundzug der neuen Technologie ist ihre Tendenz zur Trennung, Isolierung und Atomisierung von Menschen. Wenn wir uns dem virtuellen Raum zuwenden, ist eine gewisse Vereinzelung unvermeidlich. Wir sitzen allein vor Tastaturen und Bildschirmen und verhalten uns ausschließlich virtuell zur Welt; unsere Körper sind stillgestellt, und elektronische Pixels sind unsere einzigen Botschaften an die Gesellschaft. Viele Anhänger des Internet argumentieren, daß der Cyberspace neue, virtuelle Formen der Gemeinschaft schafft, (ein Argument, auf das ich kurz eingehen will). Aber in Wahrheit bleibt unser Treffen mit dem Cyberspace eine einsame Angelegenheit. Zusammen Bowling zu spielen ist immer eine Alternative dazu, allein zu bowlen - aber im Netz allein zu surfen ist die einzige Option, die uns bleibt. In den amerikanischen Universitäten fallen die Studenten mehr und mehr aus dem Sozialleben, der Gemeinschaft und den universitären Aktivitäten heraus, weil sie immer mehr Zeit allein vor dem Computer verbringen. Manche Zimmergenossen sind dazu übergegangen, nur übers Netz miteinander zu verkehren, als ob sie in verschiedenen Ländern lebten und nicht im selben Raum.

Im Hinblick auf die Demokratie mag es scheinen, als ob die Wahl per Computer die Teilnahme am politischen Prozeß erleichtert (New Mexico bot bei seinen Vorwahlen im Frühjahr 2000 die Option zur Computerwahl an, um eben das zu erreichen). In einer repräsentativen Demokratie, wo geheime Abstimmungen ohnehin die Norm sind und die Privatisierung der Politik schon eine Realität ist, kann die Abstimmung per Computer sowohl die Effizienz als auch die Beteiligung erhöhen, ohne irgendwelche Kosten zu verursachen. In einer partizipatorischen Demokratie aber, wo GEMEINSAMES Nachdenken das Ziel ist und die öffentliche Rechtfertigung politischer Entscheidungen die Regel, muß die Privatisierung per Computerabstimmung als Übel erscheinen. Privaten und abgeschirmten Raum zu nutzen als Schauplatz politischer Entscheidungen, ohne Notwendigkeit, die Anderen oder ihre Interessen in Betracht zu ziehen, das widerspricht dem Wesen der starken Demokratie. John Stuart Mill und viele andere Demokraten haben argumentiert, daß die Entscheidungsfindung öffentlich bleiben muß, damit sie verantwortlich sein kann. (Mill hat aus diesem Grund sogar gegen die geheime Abstimmung opponiert, indem er darauf bestand, daß nur eine Sicht, die öffentlich verteidigt werden kann, eine Stimme verdient hat!) Es gibt keinen privateren Raum als den virtuellen. Plebiszite, die mit der Absicht veranstaltet werden, die Herrschaft von Tyrannen zu bestätigen, funktionieren besonders gut, wenn die Bürger voneinander getrennt werden können; aber eine nachdenkliche Demokratie verlangt, daß die Bürger öffentlich abstimmen und gewillt sind, ihre Position in einer öffentlichen Versammlung zu verteidigen (oder daß sie wenigstens in der Öffentlichkeit abstimmen, um irgendeine Form öffentlicher Kontrolle zu spüren).

Der Einfluß der Nichtöffentlichkeit auf das Wahlverhalten läßt sich bei Umfragen zu amerikanischen Wahlen leicht feststellen, wenn die Rassenzugehörigkeit ins Spiel kommt. Schwarze Kandidaten in weiß dominierten Bezirken erhalten bei Umfragen regelmäßig fünfzehn Prozent mehr Stimmen, als sie dann wirklich bei den Wahlen bekommen. Warum? Nun, wenn es in einer Umfrage heißt "Werden Sie diesen (schwarzen) Kandidaten unterstützen?", verbergen die meisten Menschen ihre Vorurteile welcher Art auch immer und antworten "ja" oder "wahrscheinlich" oder "vielleicht", wogegen die Bürger im privaten Bereich, ohne öffentliche Kontrolle, bei der Wahl ihren persönlichen Vorurteilen gemäß wählen können. Die Abgeschiedenheit der virtuellen Situation ist dann für die nachdenkliche Demokratie ein Schaden, auch wenn es für die plebiszitäre Demokratie ein Segen sein kann. Sie kann zwar die Wahlbeteiligung erhöhen, zugleich aber die Fähigkeiten und die Aufmerksamkeit der Beteiligten verändern.

Das soll nicht heißen, daß wir die neue Technologie nicht in einer Art und Weise nutzen können, die die Menschen zwingt, ihre Positionen zu verteidigen und zu begründen. Aber nur dann, wenn wir wegkommen vom Bild der Wahl als Klick auf ein Ja oder Nein auf dem Bildschirm, um damit ein unreflekiertes privates Vorurteil zu registrieren - in einem Moment wählt man zwischen einem Musikstück auf einer Website von MTV (möchten Sie Madonna oder Garth Brooks sehen?), und im nächsten Augenblick trifft man eine folgenschwere Wahl, die die Außenpolitik betrifft (sollen UN-Beobachter nach Serbien geschickt oder das Land in die Steinzeit zurückgebombt werden?). Es kann kein vernünftiger Weg zur demokratischen Entscheidungsfindung sein, wenn man ein Werkzeug, das für private Unterhaltung entwickelt wurde, zur Wiedergabe öffentlicher Urteile benutzt. Eiferer für die neue Technologie neigen dazu, auf den Vorwurf des Hyperindividualismus mit dem Hinweis auf die neuen Möglichkeiten der Cyberöffentlichkeit zu antworten. Im Netz können wie nirgendwo sonst Gemeinschaften gebildet werden, die andernfalls durch nationale oder ethnische Barrieren getrennt wären. Aristoteles forderte, daß eine Geneinschaft nicht größer sein solle als das Gebiet, das man in einer Tagesreise durchqueren kann (so daß alle Bürger, die nicht gerade auf Reisen sind, zur Versamlung zusammentreten können). Im Netz können wir den Globus in Sekunden durchqueren. Und seitdem die Märkte nachhaltig globalisiert sind, während die demokratischen Gemeinschaften überwiegend in nationaler oder lokaler Beschränkung verbleiben, besteht sicher eine Notwendigkeit für globale staatsbürgerliche Gemeinschaften. Tatsächlich haben ja auch schon transnationale Bürgergemeinschaften wie CIVICUS und CIVITAS das Netz für solche Zwecke genutzt. Bevor wir uns aber im Enthusisasmus verlieren, sollten wir sehr genau untersuchen, was eine virtuelle Gemeinschaft wirklich ist - und ob sie wirklich ist! Die meisten virtuellen Gemeinschaften, die im Internet entstanden sind, sind letztendlich enge Interessensvereinigungen, spezielle Interessengruppen bestehend aus Menschen, die gemeinsame Hobbies, ähnliche Identität oder gleiche politische Ansichten teilen. Oder sie sind eine Fortschreibung von Gemeinschaften, die sich in realer Zeit und in wirklichem Raum gebildet hatten. Es ist eine Sache, das Netz zur Stärkung einer vorhandenen Gemeinschaft zu nutzen, und eine ganz andere, eine Gemeinschaft aus Pixels erst zu erschaffen. Und oft verfolgen Gemeinschaften, die das Netz zum Ausbau ihrer Organisation nutzen, Ziele des Widerstands und des Terrorimus - radikale christliche Fundamentalisten und der Islamische Djihad (nicht zu reden von der Neonazibewegung) haben das Internet genutzt, um so etwas wie eine transnationale Gemeinschaft zu formen.

Ironischerweise trifft sich beinahe jede Konferenz, die sich mit den Möglichkeiten der neuen Cybertechnologie befaßt, in der realen Zeit und im realen Raum - ihr Modus operandi steht so als lebendiger Gegenbeweis gegen die cyberkommunitären Theorien, die diese Wissenschaftler preisen. Es ist ziemlich schwer zu entscheiden, ob die Cybergemeinschaft machbar ist; doch selbst, wenn wir davon ausgehen, sie sei es, läßt das die Frage offen, ob das der Demokratie gut tut oder nicht. Die repräsentative Demokratie, um damit zu beginnen, die auf dem Pluralismus der Interessen und gesellschaftlichen Gruppen gründet sowie im Individualismus und in der Rechtstheorie wurzelt, gibt wenig auf die Bildung von Gemeinschaften, und ihre Fürsprecher werden sich kaum Wohltaten von dem versprechen, was immer die neue Technologie zur Bildung von Gemeinschaft beitragen kann. Die Vertreter der starken Demokratie andererseits mögen denken, daß die einzige Wohltat der Technologie für die Partizipation ganz und gar auf ihrer Fähigkeit beruht, zum Bau solcher Gemeinschaften beizutragen, die auf lebendige politische Teilnahme und soziales Kapital angewiesen sind.

Es gibt eine beträchtliche Mehrdeutigkeit im Zusammenhang mit dem Gebrauch von Bildern und Text in den neuen Technologien. In seiner frühesten Gestalt war das Netz eine auf dem Wort basierende Technologie (fließender Text), das tatsächlich der bildhaften Tendenz des Fernsehens entgegengearbeitet hat. Ich habe anderswo ausgeführt, daß das Netz, indem es uns zum "Wort" zurückführt, ein geeignetes Medium für Politik, Gesetz, Beratung und Verträge sein kann. Vernunft und Perspektive sind Resultate des Wortes, und bei allem technologischen Fortschritt bleibt dies eine Zivilisation, die auf dem Wort beruht. Der wortzentrierte Charakter der Technologie ist gut für demokratische Politik, gut für Teilhabe und gut für gründliche Überlegung (nur die plebiszitäre Demokratie profitiert von manipulierten Bildern). Jedoch ist dieser Focus aufs Wort nichts anderes als eine technologische Zeitverzögerung. Das Netz ist schneller und wird schneller. Das "fließende Video" ist der Schlager der Zukunft und erlaubt es, Text durch bewegte Bilder zu ersetzen. Darüber hinaus ist die Generation, die heute an Computern ausgebildet wird, durchs Fernsehen erzogen und von Bildern überschwemmt und zieht auch "bewegte Bilder" vor. Obwohl Kandidaten, die unter den Bedingungen repräsentativer Demokratie arbeiten, glauben mögen, die neue Technologie sei geeigneter, sich selbst zu verkaufen (was heute ihren Beruf ausmacht) werden starke Demokraten das fließende Video sehr genau als Feind einer Demokratie ausmachen, die auf Erörterung und Austausch basiert.

Künstler und andere könnten argumentieren, daß Bilder ehrlicher und weniger verlogen sein können als Wörter. Aber Politik, das Gesetz und die Demokratie beginnen notwendigerweise als ein Kampf des Wortes gegen Gewalt und dumpfe Stimmungen. In so etwas wie einer Demokratie dominiert eine Politik von Vernunft und Perspektive, und Vernunft und Perspektive verlangen den Austausch des Wortes. Demokratie stützt sich eher auf Worte als auf Bilder, und das fließende Video ist für sie keine willkommene Entwicklung. Es mag sein, daß der Übergang von einer Wortzivilisation zu einer Zivilisation des bewegten Bildes neue politische Institutionen schaffen wird, statt die demokratischen auszuhöhlen. Aber eine solche Zivilisation wäre weniger in der Lage, Verläßlichkeit und soziale Übereinkunft zu stützen oder die Art von Diskursen, die Demokratie erst ermöglichen. In der Gesellschaft des globalen Markts kann das besonders schreckliche Konsequenzen haben. Niemand wird so schnell vergessen, wie Amerikas Außenpolitik am Horn von Afrika besonders stark beeinflußt wurde von einem einzigen Bild, dem Bild eines toten amerikanischen Soldaten in Somalia, der nackt über den Boden gezogen wurde, nachdem sein Helikopter von einem örtlichen Warlord abgeschossen worden war. Diese eine Photographie führte dazu, daß Amerika sich vom militärischen Engagement in Afrika und später in der Welt überhaupt zurückzog (George Bush junior gewann die Präsidentschaftswahl 2000 zum Teil wegen seines Versprechens, weniger in der Welt zu intervenieren als die demokratischen Gschaftlhuber!) Was Steven Spielberg in seinen "Magic" Studios machen kann, kann in zunehmendem Maß auch von jedem einigermaßen kompetenten Nutzer des Internets geleistet werden. Wir wissen, daß das Netz heute längst eine Quelle von Gerüchten und Klatsch und ein Ort der Desinformation geworden ist: mit montierten, manipulierten und verschobenen Bildern werden die Verhältnisse sich kaum bessern.

Vielleicht herausragender als irgendein anderes Merkmal des Internets ist sein serieller Charakter als direktes Medium, das Detail an Detail reiht, ohne irgendwelche vermittelnden hierarchischen Strukturen zu benötigen. Das Netz ähnelt eher dem Telefon als dem Radio oder dem Fernsehen. Es erlaubt unvermittelte Kommunikation und befreit uns dabei von Großmeistern und Gurus ebenso wie von Lehrern und Förderern, erlaubt uns, zu Urteilen und Entscheidungen zu kommen ohne die Hilfe von Schlichtern. Für Anhänger der direkten Demokratie ist das ein Segen; für repräsentative Demokraten dagegen, die im Stellvertretersystem "Filter" sehen, der populäre Vorlieben und tiefsitzende Vorurteile reinigt, ist es eine Katastrophe. Es begünstigt die Herrschaft des Mobs und setzt den Pöbel auf den Thron. Die Anhänger der repräsentativen Demokratie würden sagen: "Das letzte, was wir wollen, ist, daß die Bürger miteinander reden! Sie sollen mit uns reden, und WIR reden für sie mit ihren Mitbürgern!" Wenn die horizontalen Kommunikationsmöglichkeiten des Netzes der direkten demokratischen Teilhabe entgegenkommen, sind sie doch von geringem Nutzen für das öffentliche Nachdenken und die öffentliche Erörterung. Unmittelbarkeit ist eine demokratische Tugend, aber es ist auch ein demokratisches Übel, weil nicht vermitteltes Gespräch undiszipliniertes Gespräch ist, vourteilsbeladenes, privatistisches, polarisierendes und unproduktives Gespräch. Aussprache braucht traditionell das Eingreifen von Vermittlern, Führern, Moderatoren und Lehrern. Sich selbst überlassen, wird das Gespräch schnell zum Gebabbel und werden planlos redende Leute zum Pöbel.

Das Talk-Radio (bei dem Hörer anrufen und live an politischen Debatten teilnehmen, die von irgendwelchen großsprecherischen und sehr überheblichen politischen Parteigängern geführt werden) sollte uns eine Warnung sein. Es nennt sich selbst "demokratisch", begünstigt in Wirklichkeit aber Maßlosigkeit, Uneinigkeit, gedankenlose Rhetorik und Dummheit. Der ungeregelte Austausch massiver Vorurteile bringt nichts fürs Gespräch und noch weniger für die Demokratie. Im Talk-Radio werden die Leute ermutigt, Phrasen zu dreschen und Vorurteil gegen Vorurteil zu setzen. Wenn Chat etwas anderes sein soll als digitales Talk-Radio, dann braucht er Vermittlung - eine Herausforderung an die Unmittelbarkeit, die der größte Stolz des Internets ist.

Zu viele Chatrooms im Netz kriminalisieren eher das Andere, als es zu entdecken und zu erforschen. Sie machen sich einen Hooliganismus zu eigen, in dem die Teilnehmer sich weigern zu lernen, zuzuhören und sich zu entwickeln. Was im Talk-Radio ebenso wie im Netz erforderlich wäre, ist nicht noch mehr freie Rede, sondern mehr nachdenkliches Schweigen und Zuhören. Demokratie, zumindest solange sie auf Gespräch beruhen möchte, braucht eher "Zuhörradio" und "Zuhörräume" im Netz. Achtsamer Umgang mit der Technologie ist bis zu einem gewissen Grad nicht unmittelbar und verlangt nach neuen Softwareprogrammen (wie das "Unchat"-Programm). Wenn Information zu vermittelt ist, um zu Wissen, ja sogar zu Gelehrsamkeit werden zu können, muß die horizontale Infrastruktur des Netzes in Frage gestellt und also eine seiner Tugenden als ein Übel behandelt werden.

Wir sprechen leichthin von IT (Informationstechnologie) und sind stolz auf die "Informationsgesellschaft" als ein selbstverständlich nützliches Rüstzeug. Was aber ist genau Information mehr als nackte, unvermittelte, unverdaute Daten - bedeutungsloser Lärm? Information ist das, was das Neugeborene erhält - zufällige Geräusche und Bilder, aus denen es wenig Sinn ziehen kann. Die Ausbildung der menschlichen Zivilisation und des menschlichen Verstandes waren NICHT von Information abhängig, sondern von der Fähigkeit, aus Information Sinn herzustellen, Information in Wissen und (in seltenen Fällen) in Weisheit zu überführen. Nur das Endprodukt Weisheit dient der Kultur, der Bildung und der Demokratie. Dennoch sind wir dem Glauben auf den Leim gegangen, daß der eigentliche Nutzen im Informationsfluß liegt und daß wir eine gebildete Gesellschaft und eine funktionierende Demokratie formen können, solange wir über ausreichende Daten verfügen. Das Problem moderner demokratischer Gesellschaften im globalen Zeitalter sind jedoch nicht zu wenig Daten oder kein ausreichender Zugang zu Informationen, sondern zu viele Informationen, aus denen wir zu wenig Sinn bilden. Überflutet von nackten Daten teilt man uns mit, daß uns die neue Technologie noch mehr davon in noch kürzerer Zeit geben kann: Segen oder Fluch?

Das gängige Denken macht daraus einen Segen: die Schulen in den Vereinigten Staaten werden vernetzt, und Vernetzung ist zu einem Kriterium für demokratische Entwicklung geworden. Aber was hilft es ungebildeten Kindern, wenn man ihnen Zugang zu jeder Bibliothek der Welt verschafft? Helfen wir jungen Menschen ohne Fähigkeiten zur Forschung, ohne Belesenheit, ohne die Fähigkeit, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden, wenn wir sie vor einen Computer setzen, der vollgestopft ist mit einem Universum beliebiger Information? Bildung ist der einzig verläßliche Motor für Forschung. Sieht man genauer hin, könnte man diesen Kindern und der Demokratie eher Gutes tun, indem man die Kabel kappt und die Drähte durchtrennt und die jungen Menschen zwingt, ein einziges Buch zu lesen und einen Sinn daraus zu ziehen. Zugang und Quantität können nicht mehr wert sein als Qualität, Information ist nicht gleichbedeutend mit Wissen, und Wissen ist noch immer weniger als Weisheit. Das Defizit in unseren Schulen ist kein Informationsdefizit, sondern eins an Wissen, ein Defizit an kritischem Denken. Eine Wissenstechnologie würde unserer Demokratie mehr helfen als eine Informationstechnologie.

Ein letztes Kennzeichen der neuen Technologien ist ihr Hang zur Zersplitterung. Die traditionellen Rundfunktechniken werden durch eine zielgruppenorientierte Technologie ersetzt, die jedem Kundenkreis und jeder Interessengruppe einen eigenen Informations- und Kommunikationskanal anbietet. Die wachsende Menge von Leitungen, Seiten und Medienkanälen, um umkämpfte spezielle Interessen zu bedienen, wird durch die Zielgruppenorientierung gefördert (politische Parteien und Interessengruppen haben längst begonnen, das Netz für Spendenwerbung und zur Wählerpflege einzusetzen). Aber eine kommunitaristische Demokratie und Institutionen, die auf politische Teilhabe angewiesen sind, brauchen eher die Entdeckung der Gemeinsamkeiten und werden besser durch ein einziges staatliches Rundfunknetz oder die drei nationalen Netze Amerikas bedient, die jeder sehen konnte, als durch tausend Kanäle, in denen kein Bürger mehr einen Berührungspunkt mit einem anderen findet. Die Aufsplitterung in Segmente hilft nicht der Gemeinschaft, sondern untergräbt sie, egal ob es sich um eine lokale Gemeinschaft, eine Nation oder die sich herausbildende Weltgemeinschaft handelt. Indem sie uns in Gruppen und Spezialinteressen zersplittert und kein gemeinsames Feld mehr übrig läßt, könnte sie die Globalisierung unserer lokalen Gemeinschaften verhindern.

Die Idee, daß jeder über seine eigene Webseite verfügt, hat etwas zutiefst Solipsistisches. Da wir es machen können, machen wir es. Ein Spiegel ist aber ein ärmlicher Ersatz für eine mitfühlende und empathische Politik. Private Webseiten schaffen außerdem eine gefährliche Illusion von Gleichheit. Meine Seite und die von Disney stellen uns auf eine Stufe! Mein Portal und das von Bill Gates, wo ist der Unterschied? Der Unterschied ist natürlich der, daß Macht nicht in der Möglichkeit, sich auszudrücken, besteht, sondern in der Fähigkeit, andere zum Zuhören zu zwingen. Die hängt von der Verfügung über die Mittel ab, und in dem Punkt existiert nicht die geringste Gleichheit. Disneys Macht besteht nicht im Zugang zur homepage, sondern in dem Vorteil, für seine Programme, für Vermarktung und Verkaufsstrategie viele Milliarden Dollar zur Verfügung zu haben, wodurch das Ganze eine einschüchternde monopolistische Macht wird, mit der kein Einzelner konkurrieren kann.

Ganz sicherlich gibt es einen Widerspruch in den zersplitternden und fraktionierenden Tendenzen der neuen Technologie. Denn während die Distribution fragmentiert wird, sind die Eigentumsverhältnisse bei der Software monopolistisch und tendieren zur Einebnung und Kommerzialisierung. Es hat eine spürbare Tendenz gegeben, den Cyberspace in eine shopping mall zu verwandeln, eine Tendenz, die "dot com" sehr viel wichtiger gemacht hat als "dot org" oder "dot edu". Beinahe aller relevante Verkehr im Netz ist kommerziell (ein Viertel davon pornographisch). Mehr und mehr ist das, was man aus dem Netz für sich herausziehen konnte, ersetzt worden durch das, was das Netz einem aufzwingen und verkaufen will. Freier Zugang zum Netz ebenso wie freie Hardware (Computer inklusive) werden denen angeboten, die bereit sind, mit endloser Reklame auf ihren Bildschirmen zu leben. Ich weiß natürlich nicht, ob die Schwedische Lutherische Kirche jemals überlegt hat, Platz für Anzeigen in ihren Gesangbüchern und auf den weißen Mauern ihrer Kirchengebäude zu verkaufen, aber vermutlich könnte sie wachsende Migliederzahlen in der Gemeinde verbuchen, wenn sie es täte. Aber eine Welt, in der alles zum Verkauf steht, ist der Demokratie nicht förderlich. Wie schnell ist die bemerkenswerte neue Technologie zu einem weiteren Faktor geworden, der die alte, kommerzielle, konsumistische Gesellschaft stärkt! Das erhöht nur den Druck des Geldes, des Kommerzes und des Monopolismus auf die demokratischen Kräfte, und es verstärkt den Druck von Gleichmacherei und Uniformität auf den notwendigen demokratischen Pluralismus. Politik als die Kunst, sich öffentlich zu verkaufen, mag blühen, aber die Demokratie in ihrer repräsentativen und ihrer starken Spielart kann dabei nur verfallen.

Zusammenfassung

Der technologische Wandel treibt die Globalisierung ebenso einseitig voran, wie er die Demokratisierung in sehr mehrdeutiger Weise beeinflußt. Einigen seiner Grundzüge wohnt die Möglichkeit inne, die Demokratie sowohl zu stärken wie zu schwächen, wenn auch in verschiedener Ausprägung für die repräsentative und die starke Demokratie. Die Globalisierung selber (wie ich ausführlich in "Jihad gegen McWorld" dargelegt habe), schwächt die Demokratie eher, als daß sie sie fördert, und zu oft ist Technologie ein Werkzeug dieser Schwächung. Wenn es darum geht, der Demokratie zu dienen, müßte Technologie wirksam programmiert werden, um das zu leisten, und ein solches Programm müßte sensibel sein für die verschiedenen politischen Theorien und Paradigmen, die politische Regime durchdringen. Die Marktkräfte werden die neuen Technologien nicht zu einem kreativen und demokratischen Gebrauch drängen, sondern nur zum kommerziellen. Die Deregulation in diesem Sektor war katastrophal und wird weiter katastrophale Folgen haben.

Gewiß gibt es neue Merkmale der Telekommunikationstechnologie, die zu einer auf Teilhabe und Gespräch basierenden starken Demokratie beitragen und helfen können, das Ungleichgewicht der globalen Gesellschaft zu beseitigen, in der anarchische Märkte mächtig und organisierte zivile und politische Kräfte schwach sind. Technologie kann ein Verbündeter des Bürgers ebenso sein wie einer der Banken und Kapitalgesellschaften, ein Verbündeter einer globalen Zivilgesellschaft ebenso wie besonderer Interessengruppen. Aber das wird nur der Fall sein, wenn sie bewußt unseren demokratischen Bestrebungen untergeordnet wird - und wenn wir uns der zwiespältigen Einflüsse der Technologie auf die demokratischen Formen voll bewußt sind.

Es sind sicher nicht die Technologie-Fans allein dafür zu tadeln, daß die demokratischen Potentiale der Technologie bisher noch nicht ausgeschöpft wurden. Cyber-Enthusiasten an der elektronischen Front verstehen die Technologie sehr gut, Demokratie aber überhaupt nicht; Demokraten tendieren entweder zur Ignoranz gegenüber diesem Enthusiasmus oder zur Maschinenstürmerei. Letztendlich ist aber die wahre Herausforderung politischer, nicht technologischer Natur, und wenn die Demokratie von der Technologie profitieren soll, müssen wir bei der Politik anfangen, nicht bei der Technologie. Die Stimme erheben und eine Wissenschafts- und Technologiepolitik fordern und entwickeln ist der erste Schritt für die Bürger zu einer ernsthaft demokratischen Technologie. Die neue Technologie ist nur ein Kommunikationsinstrument. Sie kann nicht entscheiden, was wir sagen werden und zu wem.

Es gibt eine Geschichte über Marconi, den Pionier der drahtlosen Telegraphie (vermutlich apokryph, aber dennoch sehr lehrreich) im Moment seines größten Triumphes: Als er sein großes Experiment im Nordosten der Staaten aufgebaut hatte, mit einem Empfänger in Florida, erwartete er den Beginn des neuen Zeitalters mit einem gewissen Skeptizismus. Denn als ein Assistent vom angrenzenden Raum, in dem das drahtlose Gerät aufgestellt war, hinüberrief: "Marconi, Marconi! Wir können mit Florida sprechen!", wurde Marconi offenbar von Zweifeln geplagt. Statt zu jubeln, fragte er: "Und haben wir Florida etwas zu sagen?" Cyber-Enthusiasten in aller Welt sind von dem bloßen Faktum erregt, daß Stockholm mit Hanoi, Hanoi mit Tokio und Tokio mit Florida sprechen kann.

Aber während wir mit Fremden in der ganzen Welt sprechen können, rühren viele unserer Probleme daher, daß wir nicht mehr in der Lage sind, mit unseren Nachbarn, Ehemännern, Frauen und Mitbürgern zu reden. Können wir unsere Kommunikationsblockaden, unsere örtlichen Streitigkeiten und Nachbarschaftskonflikte durch das Wunder der Kommunikation auf weite Entfernung überwinden? Kann virtuelle Gemeinschaft die Wunden der realen Gemeinschaft heilen? Hält das Netz eine Lösung für das Kosovo oder Palästina bereit? Warum sollen wir annehmen, wir könnten mit unseren Tastaturen und Bildschirmen in Nanosekunden die menschlichen Probleme lösen, die wir zusammen und von Angesicht zu Angesicht über Jahrhunderte geschaffen haben? Wenn wir wirklich wollen, daß in diesem bemerkenswerten neuen Jahrtausend - einem Jahrtausend, in dem diese Technologien unser Leben bestimmen werden wie niemals zuvor - der Demokratie gedient wird und die anarchischen Tendenzen der Globalisierung gebannt werden, dann müssen die bittersüßen Früchte der Wissenschaft unseren demokratischen Zielen untergeordnet und zu einem Diener statt zu einem Korrumpierer unserer kostbaren Demokratie gemacht werden. Ob das gelingt oder nicht, wird nicht von der Qualität und dem Charakter unserer Technologie abhängen, sondern von der Qualität unserer politischen Institutionen und dem Charakter unserer Bürger.

Nachtrag

Konvergenz

Diejenigen von uns, die von der neuen Technologie begeistert sind, reden gern von der Konvergenz. Gemeint ist ein allumfassendes Multimedium, in dem Fernsehen, Computer und das Netz in einem einzigen interaktiven System zusammengeschlossen sind. Aber diese Konvergenz ist noch weit weg, und in der Tat können wir nicht sicher sein, ob es sie jemals geben wird. Damals, in den Vereinigten Staaten, in den 50er Jahren, als ich aufwuchs, dachten Ingenieure über ihre eigene Spielart häuslicher Konvergenz nach: in der Küche. Die Techniker in Amerika hatten herausgefunden, daß man Ofen, Toaster, Mixer, Schäler und Kaffeemaschine in einem Gerät zusammenfassen konnte. Aber es stellte sich heraus, daß die Frauen, deren Arbeitsplatz die Küche ja war, verschiedene Geräte für verschiedene Aufgaben vorzogen, und so zog die Konvergenz niemals in die Küchen der Vereinigten Staaten und der übrigen Welt ein. Möglich, daß wir uns auch gegen die Konvergenz in der heutigen elektronischen Welt wehren. Es kann sein, daß wir nach wie vor einen Bildschirm für die Unterhaltung haben möchten, einen für die Arbeit und einen, um mit anderen Menschen zu sprechen. Der Ingenieurstraum von dem einen Bildschirm mit den unterschiedlichen Funktionen könnte durchaus ein Ingenieurstraum bleiben.

Mehr über mangelnden Einfluß

Eine kürzlich vom Pew Center durchgeführte Umfrage über Medien hat ergeben, daß inzwischen über 40% der Amerikaner Internetzugang haben. Die Umfrage zog jedoch nicht in Betracht, daß zur gleichen Zeit wenigstens 5% der Amerikaner nicht einmal ein Telefon haben und so von solcherlei Umfragen ausgeschlossen sind! Die "altertümliche" Technologie des Telefons ist noch immer nicht universell, von der des Internets ganz zu schweigen. Wir Privilegierten leben an der vorgeschobenen Grenze der Technik, aber viele andere sind davon weit entfernt. In Skandinavien, in Finnland, in Schweden sind das drahtlose Telephon und der Computer weiter verbreitet als in den meisten anderen Gesellschaften. Aber es gibt in Afrika und Asien Gebiete, wo beides völlig fehlt - obwohl in manchen dieser Gebiete die Menschen vielleicht die heutige Technologie einfach überspringen und gleich der morgigen entgegeneilen werden.

Erweiterung des Spektrums versus Monopol

Der dritte Einwand betrifft die Frage der sogenannten Erweiterung des Spektrums. Weil die neuen Technologien eine riesige Skala von Kommunikationskanälen ermöglichen, neigen wir zu der Annahme, daß die alte Angst eines zu begrenzten Sendespektrums obsolet geworden ist. In den Vereinigten Staaten war es diese Begrenzung, die früher die Regulierung des Rundfunks und später des Fernsehens begründete. Aber die Erweiterung des Spektrums, durch Ausweitung der Bandbreite ebenso wie durch andere Technologien (Laseroptik-Satellit), garantiert keineswegs einen Pluralismus in den Angeboten und im Inhalt. Wir können immer mehr Kanäle haben und doch immer weniger Inhalt präsentieren, weil es immer weniger Eigentümer gibt und das Monopol wächst. Als ich in den 50ern zuerst nach Europa kam, gab es in jedem Land nicht mehr als eine Handvoll Radio- und Fernsehsender, aber ehrlich gesagt fand ich damals mehr inhaltlichen Reichtum in zwei oder drei Sendungen als heute auf 50 oder 100 Kanälen, die man bei solchen Satelliten- und Kabelnetzen wie Sky Televisions finden kann. Es ist schlichtweg ein Kategorienfehler, wenn man glaubt, weil es mehr Kanäle gibt, gebe es auch einen größeren inhaltlichen Reichtum. Wer wir wirklich sind, ist für uns durch die Globalisierung der Märkte und die Privatisierung aller öffentlichen Angelegenheiten festgelegt worden - deutlich sichtbar im Federal Communications Act von 1996.


Benjamin R. Barber: Die ambivalenten Auswirkungen digitaler Technologie auf die Demokratie in einer sich globalisierenden Welt
Beitrag zum Kongress "Gut zu Wissen", Heinrich-Böll-Stiftung, aus: Heinrich-Böll-Stiftung(Hg.): Gut zu Wissen, Westfälisches Dampfboot 2002


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