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Helmut E. Klein

Offene Schule und Wissensgesellschaft - ein Gegensatz?

Schule und Arbeitswelt

Zwischen Erziehungs- und Bildungsauftrag steht die Schule im Spannungsfeld vielfältiger Anforderungen. Einerseits verändert die moderne Welt den Lebens- und Erfahrungshintergrund der heutigen Schülergeneration - so etwa der Umgang mit neuen elektronischen Medien und Techniken, aber auch die spürbare Zunahme sozialer Konflikte. Andererseits steigen die Ansprüche, die von der Arbeits- und Berufswelt an die Schule herangetragen werden. Deshalb steht die Schule nicht nur vor der Aufgabe, eine solide Allgemeinbildung zu vermitteln. Vielmehr sind die Lehrerinnen und Lehrer zunehmend auch gefordert, die personale und soziale Kompetenz ihrer Schüler zu entwickeln.

Neue Technik

Die Mikroelektronik hat schon längst Einzug in Fabrikhallen und Büroräume gehalten. Inzwischen hat dort die Vielfalt beim Einsatz computergesteuerter Arbeitsmittel in den letzten Jahren immer mehr zugenommen: Bereits jeder sechste Erwerbstätige arbeitet hierzulande in der Produktion vorwiegend mit computergesteuertem Gerät, rein rechnerisch verfügen sogar drei von vier Angestellten am Arbeitsplatz über einen Computer. Die Folge ist, daß sich Berufe häufig als scheinbar stabile Fassaden darstellen, hinter denen sich jedoch Werkstoffe und Werkzeuge, Anforderung und Entlohnung grundlegend geändert haben. Zu den von dieser Entwicklung am stärksten betroffenen Berufsfeldern gehören beispielsweise die Metalltechnik, die Elektrotechnik und die Drucktechnik. Für die beruflichen Anforderungen bedeutet dies: Die modernen Techniken in Produktion und Büro ersetzen zunehmend manuelle und sich ständig wiederholende Tätigkeiten. Gefragt sind statt dessen erweiterte Fachkenntnisse sowie Fähigkeiten, die eine höhere Flexibilität und stärkere Kooperation ermöglichen.

Neue Arbeitsorganisation

Der Einzug moderner Formen der Bürokommunikation und computergestützter Maschinen hat die Arbeitsorganisation und die Produktion in vielen Betrieben vollständig geändert - mit Auswirkungen auf Ausbildung und Beschäftigung. So geht in großen Unternehmen die Entwicklung weg von der traditionellen Arbeitsteilung hin zur Gruppenarbeit, in der die Mitarbeiter den Arbeitsprozeß weitgehend selbst steuern. Andererseits - so prognostizieren die Delphi-Experten hierzulande - wird es künftig auch einen gegenläufigen Trend geben: zur Telearbeit. So wird in zehn bis fünfzehn Jahren das Internet der zweiten Generation in Betrieb sein. Damit kann jeder Teleworker in Internet-Videokon-ferenzen mit seinen Arbeitgebern, Kunden und Kollegen in Kontakt treten (BMBF, 1998). Gemeinsam ist den Mitarbeitern im Betrieb und den Telearbeitern im Home-office: Der größere Handlungsspielraum verlangt von diesen die Fähigkeit zur selbständigen Planung, zur Entscheidung, Verantwortung und Kontrolle, zur Flexibilität, Lern- und Teamfähigkeit.

Neues Wissen

Das Weltwissen verdoppelt sich alle fünf Jahre, neue Technologien, aber auch das Fernsehen, machen es immer schneller und überall verfügbar. Wissen wird zu einem Produktionsfaktor der postindustriellen Gesellschaft, von dem zunehmend alle gesellschaftlichen Bereiche abhängig sind (Touraine, 1974). Gleichzeitig veralten Techniken und mit ihnen berufliche Qualifikationen. Um elektronische Informations- und Kommunikationstechnologien privat wie beruflich nutzen zu können, bedarf es deshalb einer Medienkompetenz.

Neue Anforderungsprofile

Die schulische wie die berufliche Bildung stehen unter dem Druck, sich diesen Erfordernissen des Strukturwandels anzupassen. Die Wirtschaft hat bereits begonnen, auf die sich wandelnden Anforderungen an die künftigen Mitarbeiter zu reagieren, indem die Ausbildungsordnungen für eine Vielzahl von Berufen an die veränderte Arbeitswelt angeglichen wurden. Zugleich fördern die Unternehmen die Job-Fitneß ihrer Mitarbeiter durch Weiterbildung. Schlüsselqualifikationen sind unentbehrlich Wer sich mit den Einstiegsanforderungen auseinandersetzt, die Arbeitgeber an künftige Auszubildende und junge Berufseinsteiger stellen, wird schnell auf den Begriff Schlüsselqualifikationen stoßen. Der Wandel der Arbeitswelt bewirkt, daß die formal für einen Beruf vorgeschriebenen Qualifikationen nicht immer mit den in der Berufspraxis tatsächlich benötigten Fähigkeiten übereinstimmen. Also ist es notwendig, solche universelle Qualifikationen zu vermitteln, mit deren Hilfe sich Änderungen im Laufe des Berufslebens bewältigen lassen. Diese Fähigkeiten sind die sogenannten Schlüsselqualifikationen - also berufsübergreifende und überfachliche Fähigkeiten (Mertens, 1974). Diese wiederum lassen sich einmal in eher verhaltensbedingte Qualifikationen unterscheiden (Einstellung zur Arbeit, Team- und Kommunikationsfähigkeit, Verantwortungsbewußtsein), zum anderen aber auch in stärker auf die konkrete Tätigkeit ausgerichtete Qualifikationen (Konzentration, planvolles Arbeiten, Selbständigkeit, logisches Denken).

Was die Schule tun kann

Die Schulen stehen in der Pflicht, den jungen Leuten das nötige Rüstzeug mitzugeben, damit sie den Anforderungen des Lebens und der Arbeitswelt gewachsen sind. Schule sollte daher - so eine 1997 durchgeführte Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln bei 763 Unternehmen - auf eine offene Zukunft ausgerichtet sein. Zugleich plädieren die Unternehmen für eine Öffnung der Schule: hin zu mehr projektbezogenem Arbeiten, mehr erfahrungs- und erlebnisorientiertem Lernen, mehr Praxisnähe, neuen Sozialformen und innovativen Unterrichtsmethoden. Der Vorteil: Offene Unterrichtsformen mit Werkstatt- und Projektunterricht lassen den Schülern die Spielräume, die sie zum Entfalten fachübergreifender und persönlichkeitsbezogener Fähigkeiten brauchen. Teamfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit und soziale Kompetenzen lassen sich nicht in einem geschlossenen Unterrichtsarrangement mit frontaler Belehrungssituation entwickeln. Aufgabe der Schule sollte es deshalb sein, selbständiges und planvolles Lernen sowie Verantwortungsbereitschaft der Schülerinnen und Schüler zu fördern. Das eröffnet auch für Schule und Lehrer neue Gestaltungsspielräume - und führt zu mehr Realitätsnähe und Flexibilität.

Bildungsinfrastruktur - eine staatliche Bringschuld

Bildung, vor allem formale Bildung, wird künftig einen noch höheren Stellenwert haben. Prämisse des Strukturtyps Wissensgesellschaft im weitesten Sinne ist demnach: Informationen müssen für alle Bürger verfügbar, zugänglich und überprüfbar sein. Das beinhaltet sowohl die formale Bereitstellung von Schulen und Hochschulen durch den Staat, als auch die Gewähr ihrer Durchlässigkeit. Inhaltlich sind für die schulische und berufliche Bildung sowie für Hochschulstudiengänge offene Curricula zu formulieren, in denenfachliche, methodische und soziale Kompetenzen gleichrangig vermittelt werden.

Informieren - eine Holschuld des einzelnen ?

Mit atemberaubender Geschwindigkeit vermehrt sich das Wissen, gesellschaftliche Entwicklungen werden von den Medien 24 Stunden lang analysiert und kommentiert. Die damit einhergehende Überinformation überfordert zunehmend einen Teil der Medienkonsumenten. Wie anders ist es zu erklären, daß sieben von zehn Bundesbürger am Thema Globalisierung nicht interessiert oder weniger gut informiert sind. Offensichtlich gibt es das Verlangen nach dem Schleier des Nicht-Wissens - als Schutz vor dem Wissen, das man nicht verkraftet (Zielcke, 1998).

Wissensgesellschaft - ein Synonym für Fortschrittsglauben?

Wissen ist die Bezeichnung für die Informationen, über die ein Organismus nicht bereits auf Grund seiner biologischen Ausstattung verfügt, sondern die er durch Lernen erworben hat. Und Informationen waren seit jeher für das Leben und Überleben des Menschen unverzichtbar. In früheren Zeiten konnte diese Ressource aber nur von einer kleinen Schicht von Gebildeten ausgiebig genutzt werden. Was die Gegenwart von früheren Jahrhunderten markant unterscheidet, ist die Informationsmenge, die sich heute praktisch jedermann aneignen kann. Nicht einmal die Herrscher in der Blütezeit des Absolutismus verfügten nach Art und Umfang über die Informationen, die gegenwärtig einem Bürger in den Industriestaaten zur Verfügung stehen (Nefiodow, 1990). Wissen (Herr-schaftswissen, Geheimwissen) gibt es demnach seit Menschengedenken. Oder anders formuliert: Jede Gesellschaft läßt sich innerhalb ihres Zeithorizonts als Wissensgesellschaft beschreiben. Was also ist das qualitativ Neue der Wissensgesellschaft?

Der Begriff Wissensgesellschaft (Kreibich, 1986) steht in der Tradition des gesellschaftlicher Modernisierungskonzepte: Agrargesellschaft, Industriegesellschaft, Dienstleistungsgesellschaft und nun Wissensgesellschaft. Wissensgesellschaft wird deshalb bisher fast ausschließlich im Kontext des Erwerbslebens verwendet und charakterisiert den Typus einer modernen Gesellschaft, der von der Informatisierung des weltweiten Strukturwandels geprägt wird. Wissen ist der Produktionsfaktor der Zukunft. Bei dieser wissensintensiven Wertschöpfung hängt die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen davon ab, Information und Wissen als Ressource zu nutzen (Bullinger, 1997). Der Begriff ist aber zugleich ambivalent, weil er Wissen als soziales Konstrukt verschleiert. So wird sich Herrschaftswissen von Eliten auch künftig kaum vermeiden lassen, insoweit Bildung auch vom Grad der Teilhabe an dem jeweiligen Wissensstand abhängt. Hier stellt sich die Frage, wie ein humaner Umgang mit der durch Wissenskumulation gewachsenen Macht zu sichern ist? Macht mehr Wissen verantwortungsvoller?

Vom Bildungsbürger zum Bildungsunternehmer?

Vorrangige Aufgabe einer modernen Gesellschaft ist es, jedem Chancen zu bieten, aktiv an der gesellschaftlichen Entwicklung mitzuwirken und ihn zu befähigen, diese Chancen auch wahrzunehmen. Die (Wissens)Gesellschaft von morgen ist daher nur als teilnehmende Gesellschaft zu begreifen (Lerner 1962): Zugangs- und Beteiligungschancen der Menschen an Informationen und Wissen, Wirtschaft und Arbeit, Bildung und Politik stehen dabei im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. (Wirkt Wissen integrativ oder desintegrativ auf die Gesellschaft ein? Was darf ein Mensch wissen, was nicht?) Das Streben nach Information ist Ausdruck einer aktiven Gesellschaftspolitik (Touraine 1974). Das setzt voraus, daß die Bürger zur Teilnahme bereit und fähig sind. Demnach ist hier die (Selbst)Lernfähigkeit von Individuen, Organisationen und Systemen gefordert. In diesem Sinne könnte Bildung und vor allem Vermittlung und Erwerb einer Selbstlernkompetenz künftig als eine Frage der Emanzipation zur Teilhabe an Bildungs- und Sozialchancen und als ein Konzept der Aktualisierung (Job-Fitneß) und der gesellschaftlichen Partizipation verstanden werden. Der mündige Mensch organisiert eigenverantwortlich seinen Wissenserwerb - vergleichbar dem Wissensmanagement eines Unternehmens?


Helmut E. Klein: Offene Schule und Wissensgesellschaft - ein Gegensatz?
Virtuelle Konferenz: Lernen und Bildung in der Wissensgesellschaft, 11/1998


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